Jost J. Marchesi: «Sieben Jahrzehnte für die Fotografie TEIL 1»
(Geburt 1943 bis Lehrabschluss 1965 als Fotograf)
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«Ihr ursprünglicher Charakter ist der einer Prahlerei.»
Elias Canetti 1905 – 1994 zu Autobiografien.
Vorwort von Jost J. Marchesi Seit meiner frühen Jugend bereits im Kindergartenalter, das heisst, seit mehr als 75 Jahren, befasse ich mich in irgendeiner Art und Weise mit dem Medium Fotografie. Dabei erinnere ich mich an Vieles, nicht nur Fotografisches, sondern auch Kulturgeschichtliches und Alltägliches. Während diesen Jahren habe ich die wichtigste Änderung innerhalb der Fotografie, nämlich von der analogen zur digitalen mitgemacht und teilweise an vorderster Front mitgestaltet. Mein lieber Kollege Urs Tillmanns hat mich animiert, diese Erinnerungen aufzuschreiben.
Wenn ich dabei mit einigen Zeitgenossen und Begegnungen hart ins Gericht gehe (bzw. gehen muss), bereue ich das zwar, muss diese jedoch trotzdem erwähnen, um den Zeitgeist (zum Beispiel in der Pädagogik) zu erläutern. Es handelt sich dabei lediglich aus meiner Sicht um sehr verwerfliche Personen, die vermutlich heute noch wegen ihrer Vergehen in der Hölle schwefeln. Wenn ich dagegen einige Institutionen, mit denen ich direkt oder indirekt in Kontakt geraten bin, beim Namen nenne, ist das meine persönliche Meinung. Da wird es viele Zeitgenossen geben, welche eine teilweise oder sogar gänzlich andere Erinnerung daran haben. Es ist immer eine Frage der Perspektive.
Verfasst rund um meinem 82. Geburtstag 1. Dezember 2025 herum.
Jost Josef Marchesi. Geb. 1.12.1943
Geboren wurde ich im vorletzten Kriegsjahr des 2. Weltkrieges als jüngeres Kind meiner Eltern Lilly und Josef. Meine ältere Schwester Sonja ist 10 Jahre älter als ich. Weil ich so lange auf mich warten liess, legte meine Schwester jeden Abend ein Stück Zucker auf das Fensterbrett, um den Storch (der seinerzeit noch die kleinen Kinder brachte) zu animieren. Am Morgen war der Zucker jeweils weg. Ganz klar, der Storch hat ihn geholt. Und tatsächlich, rund ein Jahr danach kam ich als zuckersüsse Hausgeburt zur Welt.
Da wir im Aargau in der Nähe zur Grenze zu Deutschland wohnten, gab es in vielen Nächten Fliegeralarm und die Familie musste sich in den Luftschutzraum begeben, während der Vater sich jeweils aufs Velo schwang, um sich an seinem Arbeitsort um den Luftschutz zu kümmern. Unbewusst und zusammen mit den späteren Erzählungen der Erwachsenen nahm ich als Säugling die jeweiligen Ängstlichkeiten auf und träumte danach noch viele Jahre von Sirenengeheul und den Wirrnissen des Krieges.
Meine Grosseltern väterlicherseits waren bereits am Ende des 19. Jahrhunderts aus Oberitalien kommend in der Schweiz eingewandert. Der Grossvater war in derselben chemischen Fabrik in Turgi beschäftigt, wie später mein Vater. Mein Vater kam 1912 als jüngstes überlebendes Kind der Familie bereits in der Schweiz zur Welt. Als er 6 Jahre alt war, wütete die Spanische Grippe 1918/19 und der Grossvater erkrankte. Die beleidenswerten Grippekranken wurden damals aufgrund ihrer grossen Anzahl und der extrem starken Ansteckungsgefahr in separaten Notunterkünften zusammen evakuierte. Für meinen Grossvater gab es einen Platz in einer Turnhalle, wo er nach kurzer Zeit der durch die Grippe ausgelösten Lungenentzündung erlag.
Mein Vater heiratete in jungen Jahren eine Schweizerin. Allerdings war er als Italiener bis dahin natürlich katholisch. Das war der einzige Tolggen in seinem Reinheft. Er musste deshalb 1932, als er eine reformierte Frau heiraten wollte, vorher noch konvertieren. Das heisst, er ging eine Zeit lang wöchentlich in den Einzelunterricht beim reformierten Pfarrer, um danach reformiert zu werden. Gemischt religiöse Ehen waren damals eher unüblich, vor allem wenn der Wunsch bestand, bald Schweizer zu werden. Und dies, obwohl mein Vater keinerlei konfessionelle Ambitionen hatte.
Der erste Geburtstag, 1. Dezember 1944, fotografiert auf dem Balkon von Vetter Ernst mit seiner Leica
Da er jedoch nach der religiösen Konvertierung immer noch Italiener war, bestand die Gefahr, vom italienischen Staat früher oder später für den Militärdienst eingezogen zu werden. Um dieser Gefahrzu entgehen und das gleiche Schicksal für seinen eventuell noch auf die Welt kommenden Sohn zu vermeiden, versuchte sich der Vater einzubürgern – einzukaufen, wie man damals sagte. Die Chancen dazu standen gut, denn er war in der Schweiz geboren, hatte Familie und eine Berufsausbildung sowie eine gute Arbeitsstelle. Er hatte alle Schulen in der Schweiz besucht und seit seiner Zeit als kommender Fussballer einflussreiche Referenzen. Er konnte zwar etwas italienisch, jedoch nur einen oberitalienischen Dialekt von seiner Mutter (für die Zeitangabe 5 nach 5 Uhr verwendete er die Floskel, welchen auch das Romanische in gewissen Gegenden kennt: «higg è higg».
Im Juni 1942 wurde mein Vater durch Beschluss des Aargauer Regierungsrates als Kantonsbürger und als Gemeindebürger von Gebenstorf AG (und somit auch als Schweizer Bürger) aufgenommen, wobei er die italienische Staatszugehörigkeit verlor (die Schweiz erlaubte damals keine Doppelbürgschaften). Die Gefahr eines militärischen Einzugs durch die Italiener war dadurch gebannt, und ich kam als Schweizer mit allen Ehren und Rechten zur Welt. Zum Leidwesen meines Vaters bestand er zwar die sanitarische Rekrutenprüfung, wurde jedoch nicht in die Schweizer Armee aufgenommen. Dies war damals aus Sicherheitsgründen nicht üblich. Immerhin wurde er in den zivilen Luftschutz eingeteilt und erhielt in dieser Funktion – vermutlich als Späher – bis zum Ende des Weltkrieges eine vaterländische Aufgabe.
Seine italienischen Sprachkenntnisse konnte er dann später doch noch beruflich einsetzen. Als die Schweizer Industrie vermehrt italienische Arbeitnehmer suchte, betreute er in der Elektrochemie Turgi vorwiegend die süditalienischen Arbeitnehmer aus Sizilien und setzte sich für deren Wohlergehen ein.
Jostli im Sportwagen auf dem Sportplatz. Mein Vater war ein gesuchter Torwart für Feldhandball und später Fussball. Daher war ich an Sonntagen oft mit auf dem Sportplatz und galt als kommender Fussballprofi.
Bereits früh erhielt ich eine Brownie 2, mit welcher ich auch gelegentlich einen Film belichten durfte.
Kindergartenalter
Als ich vier oder fünf Jahre alt war, zügelten wir in ein Haus auf dem Gemeindegebiet vonUntersiggenthal, welches der Arbeitgeber meines Vaters den leitenden Angestellten zur Verfügung stellte. Als wir umzogen waren die Vormieter noch im Haus. Sie mussten durch die Polizei weggewiesen werden. Das Haus war in einem sehr schlechten Zustand, dreckig und heruntergekommen. Ich hätte geweint und gesagt, ich möchte wieder «heim» gehen. Es gab in den ersten Jahren im Haus noch kein Badezimmer, lediglich eine Toilette und ein Lavabo mit kaltem Wasser. Jeweils am Samstag-Nachmittag (der Vormittag war noch ein Arbeitshalbtag, auch in der Schule) durften wir jedoch mit dem Vater die Duschkabinen seines Arbeitsgebers benutzen.
Im Haus hatte es im Untergeschoss eine Waschküche. Dort stand ein mit Holz befeuerter Waschofen mit grossem Wassertrog. Ich erinnere mich, wie meine Mutter einmal im Monat bereits am frühen Morgen um fünf Uhr diesen Wassertrog befüllte und den Ofen einheizte bis das Wasser kochte. Dort hinein kam Waschmittel und die schmutzige Wäsche wurde sauber «gekocht» und mit einer riesigen Holzkelle bewegt. Bis am Abend war durch diese Methode die gesamte Monatswäsche gewaschen, gespült und in einer elektrisch betriebenen Zentrifuge ausgewrungen und anschliessen an Wäscheleinen im Freien (oder bei regnerischem Wetter in der Waschküche) zum Trocknen aufgehängt. Es war eine grauenhaft schwere Arbeit. Erst nach vielen Jahren baute die Besitzerin der Häuser, die Elektrochemie Turgi, welcher die Häuser am Schiffmühleweg gehörten, ein Wäschehäuschen mit zwei grossen Waschmaschinen. Dort konnten alle Mieter in der Siedlung ihre Wäsche nach Plan waschen.
Mit der Zeit wurde das Haus jedoch vollständig renoviert. Es wurde ein Bad sowie später eine mit Heizöl betriebene Zentralheizung eingebaut. In der Waschküche wurde der Waschofen anfänglich durch eine private Kleinwaschmaschine ersetzt. Irgendwann wurde das Wäschehäuschen im Quartier ausser Betrieb genommmen und dafür in den Waschküchen der einzelnen Häuser Waschvollautomaten installiert.
Bis etwa zu meiner dritten Primarschulklasse hatte es nur eine Kohlenfeuerung, die von der Küche aus bedient wurde und welche im Wohnzimmer einen Kachelofen mit Kunst beheizte. Die Schlafzimmer im ersten Stock blieben auch bei tiefsten Temperaturen unbeheizt. Im Winter war es deshalb am frühen Morgen, bevor ich zur Schule musste, extrem kalt im Haus. Ich durfte dann jeweils direkt neben dem Feuerungsofen in der Küche frühstücken. Doch war es eben wie in den Winterferien: Vorne zu heiss und hinten viel zu kalt. Ich stellte mir vor, wenn ich König wäre, würde ich einen Ringofen bauen lassen, der mich rundherum schön wärmen würde.
Nachts hatte ich öfters starken Durst. Auch in dieser Beziehung überlegte ich mir eine königliche Vorstellung: Ich würde einen Stock höher ein Fass mit Süssmost (Apfelsaft) aufstellen lassen, von dem aus eine Schlauchleitung bis in mein Zimmer – vom Bett aus bedienbar – führen würde.
Der neue Wohnort war jedoch sehr schön und ideal für meine Jugendzeit, grosser Garten, nahe der Limmat gelegen mit einem kanalisierten Strom, dessen Wasser für die Stromerzeugung der Elektrochemie Turgi genutzt wurde. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, betrug der monatliche Mietpreis für das Haus anfänglich 65 Franken.
Das Haus hatte ursprünglich für das Abwasser ein «Güllenloch», das heisst, eine abgeschlossene Jauchegrube. Dorthin gelangte das gesamte Abwasser des Hauses. Die Fäkalien sammelten sich am Boden dieser betonierten Grube an und die flüssigen Bestandteile gelangten über einen Überlauf ins benachbarte Grundstück, wo sie offenbar ihren Weg fanden. Etwas später wurde dort eine Sickergrube ausgehoben und mit Steinbrocken gefüllt. Die Rückstände im Güllenloch wurden alle paar Jahre abgepumpt. Erstaunlicherweise liess sich durch diese primitive Abwasserentsorgung nie eine bemerkbare Geruchsbelästigung feststellen . Irgendwann wurde eine Kanalisationsleitung gebaut, an welche das Abwasser des Hauses angeschlossen werden konnnte.
Die Elektrochemie Turgi war eine chemische Fabrik, deren Produkte mittels Elektrolyse, also mit Hilfe von Strom, hergestellt wurden. Mein Vater arbeitete dort als Betriebselektriker und machte jeden Monat einmal Sonntagsdienst im firmeneigenen Kraftwerk, jeweils durchgehend von 6 bis 18 Uhr. Es war üblich, dass meine Mutter und ich jeweils das Mittagessen vorbeibrachten, welches der Vater dann in unserer Gesellschaft im Kommandoraum des Kraftwerks einnahm. Dadurch hatte ich natürlich bald schon erstaunlich gute Kenntnisse über die Stromproduktion, auch weil mein Vater mir mit der Zeit sehr viel dazu erklärte.
Vor dem Kraftwerk wurde die Limmat gestaut und zwar mittels eines Wehrs. Es handelte sich dabei um eine innen mit dem Wasserdruck gefüllte Holzkonstruktion, welche sich dadurch aufhob und den Abfluss des Wassers absperrte und dieses in den Kanal zu den Turbinen leitete. Das Wasser innerhalb dieses Wehrs liess sich entleeren, wodurch es sich senkte und der Limmat (mit vielen schnellen Wellen) freien Lauf liess. Mindestens einmal jährlich an einem Sonntag begehrten die Mitglieder des Pontoniere-Sportvereins Zürich freie Durchfahrt. Es war dies deren jährliche, traditionelle Ausfahrt nach Strassburg.
Der diensthabende Kraftwerk-Maschinist hatte die Aufgabe, dieses Wehr zu einer bestimmten Zeit zu öffnen. Da sich das Wehr mehrere hundert Meter stromaufwärts befand, musste dazu erst der Überlauf der Limmat mittels eines Pontons überquert und dann am linken Ufer zu Fuss bis zur Wehranlage gegangen werden. Natürlich war ich meistens mit dabei und konnte bald helfen, die grossen Räder für die Wasserventile zu bedienen. Das war jedes Mal eine sehr aufregende Angelegenheit.
Bald hatte ich am neuen Wohnort einen Kollegen – Rolf – der etwas älter war und mit dem ich viele Stunden und Tage im Wald an der Böschung der gestauten Limmat verbrachte, die sogenannte Höll. Oder in seiner im Garten gebauten Hütte. Dort säten wir jeweils im Frühling Primeln, deren Setzlinge wir in der Nachbarschaft verkauften.
Mit Rolf vor der Gartenhütte
Es kam die Zeit, in welcher ich in den Kindergarten sollte. Damals hiess diese Vorschule nicht «Chindsgi» sondern «Gfätterli-Schuel». Gfätterli als Synonym für Spielen. Ich konnte mir das nicht vorstellen und weigerte mich standhaft, dahin zu gehen. Von meinem Vater erhielt ich Schützenhilfe. Er meinte: «Wenn der Bueb nicht in den Kindergarten gehen will, dann muss er nicht!» Voilà.
Viel lieber befasste ich mich mit meinen Projekten, die bereits damals etwas mit Fotografie zu tun hatten. Ich wollte nämlich einen stabilen Kastendrachen bauen und an der Halteschnur meine neue, kleinere Kodak Brownie aus Bakelit mittels eines Fallschirms an dieser Schnur zum Drachen hochfahren lassen. Dort oben soll irgendwie der Auslöser ausgelöst und der Fallschirm durch einen kleineren ersetzt werden, damit die Kamera wieder unbeschadet zu mir nach unten gleiten konnte. Man kann sich leicht vorstellen, dass dieses Unterfangen nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war. Zuerst war da mal der dazu wenig geeignete Auslöseknopf der Brownie und dann das Problem, den Fallschirm zu tauschen. Das Fallschirmproblem war relativ rasch gelöst, nämlich durch zwei unterschiedlich grosse Fallschirme von denen der grössere bei der Ankunft beim Drachen gelöst wird und verloren geht, während der kleinere für ein sanftes Heruntergleiten vorgesehen war. Blieb noch das Auslöseproblem. Auch dafür gab es eine Lösung. Ich klebte dazu nämlich eine federnde Metallspange auf das Bakelitgehäuse, dessen längere Seite bei der Ankunft beim Drachen durch den Winddruck an die Holzlatte des Drachens prallte und dadurch mit der kürzeren Seite den Auslöser drückte. Nach vielen Vorversuchen im Garten auf einer zur schiefen Bahn gespannten Schnur fand ich den geeigneten Winkel, welcher den Auslöser meistens genügend stark drückte (dabei allerdings die doch sehr leichte Kamera in eine seitliche Torsion versetzte).
Irgendwann gelang dann eine ziemlich unscharfe Aufnahme, welche auf dem kopierten 4,5 x 6 cm kleinen Bildchen mit Büttenrand im Vordergrund ein nahezu Bildformat ausfüllendes Seil und am Ende der immer dünner werdenden Schnur einen grauen Punkt zeigt, nämlich mich am Anfang der Schnur. Zu gerne würde ich das Bild zeigen. Doch leider ist es irgendwann und irgendwie verloren gegangen. Schade. Aber die Forschung war schliesslich das Ziel. Wenn ich diese Story heute erzähle, meinen alle, ich hätte damals die Erfindung der Drohne vorweggenommen.
Primarschule
Jostlis erster Schultag
Im Frühjahr 1950 musste ich in die Primarschule in Untersiggenthal. Es war dies damals ein kleiner Bauernort und stockkatholisch. Üblicherweise mussten wir Schülerinnen und Schüler am Vormittag, am Mittag, am Nachmittag und zum Schulschluss aufstehen und gemeinsam die katholische Version des Vater Unser mit anschliessendem Glaubensbekenntnis (Heilige Maria Mutter Gottes…) aufsagen.
Am Mittwoch wäre gemäss Stundenplan eigentlich um 11 Uhr Schulschluss gewesen. Aber alle blieben und die Lehrerin fragte völlig unverständliches Zeugs, das ich nicht zu beantworten vermochte. Bis sie dann fragte: «Bist du eigentlich reformiert?» Als ich bejahte, hiess es, ich könne heim gehen. Am Mittwoch-Nachmittag hatten nämlich die Katholiken Unterricht und wurden vom Pfarrer ins Frage- und Antwortsystem des Kathechismus eingeweiht. Die Lehrerin wollte, dass ihre Schüler besonders hervorstachen; deshalb der Zusatzunterricht, von dem ich nicht ein einziges Wort verstanden habe. Weshalb ich jedoch weggewiesen wurde, hat mir in der Schule niemand gesagt. Zuerst dachte ich, ich hätte etwas falsch gemacht.
Die Buben (viele aus Bauernfamilien) waren zumeist recht robust und es gab öfters eine Schlägerei, von der ich mich nach Möglichkeiten fern hielt. Ich freundete mich mit Kurt, einem kräftigen Verdingbub an, der im Bauernbetrieb, welcher zur Elektrochemie gehörte, quasi als Leibeigener gehalten wurde. Kurt wurde rasch mein Bodyguard und erhielt als Gegenleistung mindestens die Hälfte meiner Znüni-Banane samt Schale, von welcher er auch die innere Haut rübis und stübis mit den Zähnen wegkratzte. Bananen konnte man damals bereits kaufen; und zwar vorwiegend in der Migros, von welcher es im nahen Baden eine kleine Filiale hatte (neben den Migros-Verkaufswagen, welche später auch in der Nähe unseres Wohnhauses anhielten).
Obwohl eher schwächlich (so meinte ich damals jedenfalls), wurde ich durch diese Vorsichtsmassnahme kein einziges Mal angegriffen.
Meine ersten drei Klassen waren bereits damals von Lehrerinnen dominiert. Froilein Winter für die erste Klasse und Froilein Wehrli in der zweiten und dritten Klasse. Das war ein denkbar schlechter Schulstart. Beide «Pädagoginnen» erschienen mir als uralte, geifernde und unglückliche Jungfern, die sich mit Klassengrössen so um die 30 Kinder und mehr herumschlagen mussten. Das ist wörtlich zu nehme. Die pädagogischen Hilfsmittel dieser beiden Furien waren nämlich Rohrstock und Lineal. Froilein Winter nahm sich der bösen Buben vorwiegend mit dem Rohrstock an, welchen sie auf deren Hintern sausen liess. Ich kam glücklicherweise nicht in diesen Genuss. Entweder weil ich zu wenig böse, eher verstört, wirkte, einerseits und weil meine Mutter in weiser Voraussicht das Froilein Winter gelegentlich zu bestem Kaffee und süssem Kuchen nach Hause bat.
Bei Froilein Wehrli war das anders. Hier kam der 30-cm-Holz-Lineal zum Einsatz und zwar auf die Handfläche, sogenannte «Tatzen» also. Grundsätzlich gab es solche, wenn man bei einem Diktat zu viele Fehler machte. Hatte man nämlich mehr als 10 Fehler, musste man in der Strafschule ausserhalb der regulären Schulzeit eine Verbesserung schreiben. Für jeden Fehler in der Verbesserung gab es dann eine schmerzhafte und Nerven schädigende Tatze. Ich erhielt leider viele. Dies besserte sich erst, als meine Mutter während den Schulferien mich zu mehreren Diktaten pro Tag verdonnerte und ich so durch die strenge Unablässigkeit meiner Mutter schliesslich anständiges Deutsch lernte. Vorher tröstete ich mich mit dem Wissen, nach dem Froilein Wehrli dereinst in der Hölle landen, auf besonderes heissen Steinen zu stehen hätte und unablässig Tatzen mit einem glühenden Lineal erhalten würde – und zwar auf den Handrücken!
Die pädagogischen Unfähigkeiten dieser beiden Schrullen führten dazu, dass ich zur Überzeugung kam, der dümmste aller dummen Schüler zu sein. Vor lauter Angst habe ich die einfachsten Sachen nicht verstanden. Gute Noten bekam ich nur, wenn es mir bei schriftlichen Prüfungen gelang, schräg hinter Marieli zu sitzen und diesem Mädchen abzuschreiben. Sie konnte es nämlich, schliesslich war sie bereits zum dritten Mal in der ersten Klasse …
Ich erinnere mich an ein weiteres unsagbares Vorkommnis an dieser Schule. Ich befand mich damals in der zweiten Klasse. Das böse Froilein Wehrli musste eines Tages an eine Beerdigung und wir Schüler wurden in dieser Zeit still beschäftigt. Ausgerechnet eine kleinwüchsige Mitschülerin wurde beauftragt, dem benachbarten Lehrer Killer zu melden, wenn einer der (bösen) Buben nicht still sei und reden würde. Natürlich musste die Kleinwüchsige aktiv werden und dem Lehrer Killer petzen, bzw. ihn holen. Killer war ein 2-Meter-Mann mit Händen in annähernder Grösse von Tennisschlägern. Das «Zwergli» – wie sie genannt wurde – wies auf drei Buben, den Karl-Heinz, mich und einen weiteren Störefried. Unsere Beteuerung, wir hätten nur ganz leise einander etwas zur Aufgabe gefragt, liess er nicht gelten. Wir mussten vor der Wandtafel alle drei auf den grauenhaft schwarzdreckigen Boden knien mit den Händen auf dem Rücken. Und zu Knien hatten wir mit absolut geradem Oberkörper. «Zwergli» wurde beauftragt, dem Killer zu melden, wenn sich einer der Buben während dieser schmerzhaften Bestrafung bewegen würde. Diese Folterstellung war nach kurzer Zeit derart verkrampft, dass sich Karl-Heinz traute, nacheinander ein Knie zu heben und kurz zu massieren. «Zwergli» registrierte dies und raste ins Nachbarzimmer, um Lehrer Killer zu holen. Dieser machte kein langes Federlesen und langte dem armen Karl-Heinz mit seiner Riesenpratze eine Ohrfeige, so dass der schmächtige Junge meterweit wegflog. Ich traute meinen Augen nicht und konnte fast nicht hinsehen, weil ich dachte, der Knabe sei jetzt tot und zerschmettert. Zum Glück war er nur benommen und hat vermutlich seither einen mittelprächtigen Gehörschaden. Dies beeindruckte den Idiotenlehrer Killer jedoch nicht und Karl-Heinz musste bis zum Ende der Lektion weiterhin mit uns anderen Delinquenten am Boden knien. Derartige körperliche Bestrafungen hatten – wie das Prügeln der Lehrer und die Tatzen der Wehrli – keinerlei Folgen. Denn wenn die Kinder solches ihren Eltern überhaupt berichteten, trauten sich diese nicht, eine Anzeige zu machen oder sie prügelten die geprügelten Kinder erneut für das «Vergehen». Es war dies eine unvorstellbar grauenhafte Zeit für Kinder!
Froilein Wehrli verstieg sich einmal zur Prognose, aus mir würde höchstens mal ein Strassenwischer – wenn überhaupt. Mein Vater meinte, ich solle ihr sagen, dann hätten wir ja zumindest beide denselben Arbeitgeber – wenn auch nicht ganz denselben Lohn. Später als ich im Lehrerseminar war, traf ich Froilein Wehrli einmal auf dem Bahnsteig. Sie fragte, was ich denn so mache. Ich sei in der Ausbildung zum Primarlehrer, eröffnete ich ihr und werde eines Tages ein Berufskollege von ihr werden (einen Lineal hätte ich bereits). Diese letzte Bemerkung habe ich allerdings nur gedacht. Zum Glück für sie kam im selben Moment der Zug und das Froilein konnte diskret entschweben.
Für die vierte Klasse kam ich zu einem Lehrer, Herr Mühlebach. Zu meinem grossen Glück nicht zum Lehrer Killer, welcher auch eine vierte Klasse «unterrichtete». Ich verstand die Welt nicht mehr. Dieser Mühlebach konnte tatsächlich etwas richtiggehend erklären, sodass auch ich als der Dümmste es begriff. Bis dahin hatte ich noch nie eine Lehrperson getroffen, welche irgend etwas kindergerecht erklären konnte. Mühlebach war zudem ausgesprochen nett und er prügelte nie. Ich konnte mir fast nicht vorstellen, dass es im gleichen Schulhaus auf relativ kleinem Raum neben den extrem bösen und strohdummen, völlig vertrottelten «Lehrpersonen» richtiggehende und nette Menschen gibt. Nach drei Monaten wurde Mühlebach pensioniert. Als Nachfolger kam Jean Memmishofer. Ein junger Lehrer direkt aus dem Lehrerseminar. Mit frischem Elan und mitreissenden Ideen. Und dieser Mann war ein richtiger Lehrer! Ich mutierte in kürzester Zeit vom absolut dümmsten zum ausgezeichneten Schüler. Ich durfte mit der vierten und fünften Klasse zwei wichtige und mich absolut prägende Schuljahre bei ihm verbringen.
Auch in einem katholischen Ort wurden Reformierte von einem Pfarrer unterrichtet. Bei mir war es Pfarrer Hohl von der Kirchgemeinde Baden. Ich erinnere mich an seine besondere Eigenart, während dem Unterricht auf dem Tisch zu sitzen, Schuhe und Socken auszuziehen und vor aller Augen seine Zehennägel zu schneiden und den Dreck darunter heraus zu grübeln. Dabei hörte er sich von uns wenigen reformierten Schülern das auswendiggelernte evangelische Glaubensbekenntnis an! Wen wundert es, wenn ich danach in kirchlichen Belangen immer in irgendeiner Form Fussnageldreck sah…
Kaum zu glauben: So spannend und ungerecht war das auf dem Land im Jahr 1954! Und ich kann immerhin sagen, sehr früh in meiner Jugend bereits allerhand im Grunde völlig unerklärbare Seltsamkeiten erfahren zu dürfen! Es gab rundherum Unmengen Stoff, ausreichend für mehrere obskure Romane in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Insbesondere lernte ich, dass die ganz besonders bösen Kerle im Lehrkörper der Primarschule damals nahezu ausschliesslich weiblichen Geschlechts waren. Die netten, verständigen und pädagogisch Begnadeten dagegen waren zumeist Männer.
Bezirksschule
Nach der fünften Klasse bestand ich die Aufnahmeprüfung in die Bezirksschule Turgi. Im Aargau hat die 4-jährige Bezirksschule die Funktion eines Progymnasiums. Erst anschliessend kam dann wieder mittels Prüfung der Übertritt in ein Gymnasium oder eine andere Schule der Sekundarstufe II, welche in der Regel nochmals 4 Jahre dauerten. Heute geht man erst nach der sechsten Primar-Klasse in die Bezirksschule.
Das war nun eine völlig neue und äusserst faszinierende Welt. Erstmals traf ich auf Lehrkräfte, welche ihr Fach – wie in der vierten und fünften Klasse Jean Memmishofer – verstanden und in der Lage waren, die Inhalte verständlich zu vermitteln. Zudem wurde man hier mit hochinteressanten Lerninhalten konfrontiert, wie ich es in diesem Umfang sogar später in höheren Schulen kaum mehr in solcher Vielfalt erfahren durfte.
Es gab zwar auch Lehrerinnen, wie Klara Welte, bei welcher ich Latein und Italienisch sowie teilweise auch Geschichte hatte. Sie vermittelte diese Fächer richtiggehend professionell und konnte auch loben, wenn jemand etwas besonders gut machte.
Deutsch und Französisch hatte ich bei Adolf Haller. Als Schriftsteller verfasste Haller mehrere biografische Darstellungen (u.a. zu Heinrich Pestalozzi, Albrecht von Haller und später – nach meiner Schulzeit – über John F. Kennedy), Spiele für das Schultheater («Begegnung in Hallwil» 1937) und Jugendbücher («Heini von Uri» 1942, «Der verzehrende Brand» 1948). Ausserdem machte er sich als Herausgeber der Werke Pestalozzis einen Namen (für «Heinrich Pestalozzis lebendiges Werk», 4 Bde., 1946, erhielt er den Schweizerischen Jugendbuchpreis) wie 1947 und 1967 für weitere Jugendwerke. Hallers immenses Wissen und sein sehr gepflegtes Deutsch faszinierten mich. Von einem begnadeten Schriftsteller Deutsch unterrichtet zu bekommen, habe ich als wirklich unschätzbares Privileg betrachtet. Was bin ich doch für ein Glückspilz!!
Gruppenbild in der dritten Klasse der Bezirksschule Turgi. Jost: Dritter von rechts, unterste Reihe. Die erwähnten Lehrpersonen
v.r.n.l. Klara Welte, Adolf Haller, Dr. Eichenberger.
Ja und dann war da noch Dr. Eichenberger. Von vielen als besonders streng gefürchtet. Von mir geliebt. Er unterrichtete Mathematik und Naturwissenschaften. Seine Lektionen empfand ich als echten Genuss. Er war ein Lehrer, wie ich mir ihn wünschte. Es war ihm gegeben, einzelne interessierte Schüler in die höheren Sphären seiner Wissenschaft mitzunehmen. Ich war einer dieser wenigen. An der öffentlichen Abschluss-Lektion im überfüllten Auditorium wiegelten wir uns gegenseitig hoch, bis die Veranstaltung aus dem Ruder lief und es sich nur noch um einen Dialog zwischen Dr. Eichenberger und mir auf allerhöchstem Niveau handelte. Es war dies der krönende Abschluss der Primar- und Sekundarschul-I-Zeit in welcher ich mich vom absolut Dümmsten zum Primus entwickeln durfte.
Präzession und Milankovitch-Zyklen
An ein besonderes Highlight im Unterricht von Dr. Eichenberger erinnere ich mich noch ganz speziell, weil es vieles erklärt, was die allermeisten Menschen noch nie gehört bzw. vergessen oder nie zur Kenntnis genommen haben.
Ich meine den erdgeschichtlichen Unterricht, bei dem wir Wissensdurstigen von den periodischen Klimaänderungen aufgrund der Präzession bzw. den Milankowitch-Zyklen erfuhren. Kurz zusammengefasst: Die Erde steht geneigt im Raum, die Erdachse ist schräg. Sie ist jedoch nicht stabilisiert, vielmehr macht diese Achse eine volle Torkelbewegung (wie ein Kreisel) um 360°. Innerhalb von rund 40’000 Jahren beschreibt die Spitze der Erdachse einen ziemlich grossen Kreis. Der Winkel der Sonneneinstrahlung verändert sich dabei in diesem langen Zeitraum vergleichsweise stark. Infolge des Lambertschen Gesetzes (den Fotografen wohlbekannt) ist die Beleuchtungsstärke und damit auch die Wärme-Einstrahlung vom Winkel abhängig (je steiler umso stärker). Die Unterschiede sind derart immens, dass sich auf der Erde (besonders auf der Nordhalbkugel) bei flacher Einstrahlung starke Vereisungen bilden (Eiszeiten), welche sukzessive infolge einer Erderwärmung nach Ablauf der halben Zeit der Torkelbewegung – also nach rund 20’000 Jahren – infolge der immer steiler werdenden Einstrahlung abgeschmolzen sind und einer zunehmenden Warmzeit ohne Vergletscherung Platz machen.
Die letzte Eiszeit endete vor rund 10’000 bis 12’000 Jahren. Wir befinden uns momentan daher bereits deutlich über der halben Zeit bis zur nächsten maximalen Warmzeit. Die langzeitige Temperaturforschung lässt erahnen, dass es damals im weltweiten Mittel 5°C kälter war als heute, lokal (im Bereich der Wendekreise und nördlich davon) sogar bis 22°C kälter). In unserem Grossraum Zürich betrug die Juli-Monatsmitteltemperatur zeitweise nur gerade noch 5°C.
Der Serbe Milutin Milankovic (1879 bis 1958) hat diese periodischen Zyklen zwischen Eiszeiten und Warmzeiten erkannt und beschrieben. Allerdings ist sein Wissen meistenorts verlorengegangen, nicht zur Kenntnis genommen oder totgeschwiegen worden. Sogar bei den heutigen Klimaforschern und erst recht bei den grünen Umweltaktivisten. Das ist sehr erstaunlich, heisst es doch sogar im Klimalexikon der Studentischen Organisation der ETH: «Bei den Milankovic-Zyklen handelt es sich um Perioden, in denen die Solarkonstante der Sonne, d.h. die Intensität der Sonnenstrahlung um 5 bis 10 Prozent geringer war als der Normalzustand. Die Zyklen und die damit sich ändernde Sonneneinstrahlung werden als Taktgeber für die Eis- und Warmzeiten in den letzten 3,5 Millionen Jahre gesehen.»
Wir befinden uns daher in einer Phase, in welcher es ständig wärmer wird. Da nützen Gletscher-Initiativen nichts, ebenso nicht wenn sich ungebildete Aktivisten auf die Autobahn kleben oder Kunstwerke zerstören … Wobei der heutige grössere CO2-Ausstoss sowie ein viel höherer Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre zusätzlich fördernd wirkt. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Milankovic-Zyklen nach dem Tod des Wissenschaftlers vermehrt in Zweifel gezogen werden bzw. unerwähnt bleiben.
Ich finde es jedoch äusserst erstaunlich und für mich sehr befriedigend, dass Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts an einer schlichten aargauischen Bezirksschule derart hochwissenschaftliche Themen behandelt wurden, von denen die allermeisten Menschen und offensichtlich auch manche ETH-Absolventen noch nie etwas gehört haben wollen und vielleicht nie etwas hören (wollen)!
Mit grösstem Erstaunen habe ich zur Kenntnis genommen, dass grundsätzlich nur der zunehmende CO2-Ausstoss für die Klimaerwärmung verantwortlich sein soll. Alle weiteren Gründe werden nicht zur Kenntnis genommen. Ist dies ein typisches Zeichen unserer Zeit?
Hinweis: Man lese die NZZ Am Sonntag vom 9. November 2025. Da spricht im Interview bzw. im Streitgespräch mit seinem Namensvetter (ein Landwirt, wie er aus dem Berner Oberland) ein in der Schweiz bekannter und sich immer wieder vordrängender Klimaforscher und ETH-Professor, es gäbe «null wissenschaftliche Hinweise», dass sich das Klima wieder einmal abkühle …
Wer, liebe Leserinnen und Leser, bezahlt das Salär eines solchen «Klimaforschers»?
Sollten Sie sich für die geologische Erdgeschichte unserer Gegend wirklich interessieren, sei Ihnen das Mitteilungsheft Nr. 48 der Heimatkundlichen Vereinigung Furttal von Peter Müdespacher, Dietikon zur Lektüre empfohlen:
«Die letzte Eiszeit (Würm). Der Maximalstand bei Würenlos und Killwangen:
«Vor etwa 22’000 Jahre erreichen die Gletscher den Maximalstand. Im Furttal lag ein Ausläufer des Linth-Rheingletschers, der bis Würenlos reichte. Das Eis lag bis auf eine Höhe von 600 Metern am Taleingang und war an der Zunge noch etwa 50 Meter dick. Noch heute erkennt man das schöne Zungenbecken mit seiner ausgeprägten Endmoräne. Ein Teillappen füllte die Mulde von Otelfingen bis Boppelsen bis zum heutigen Waldrand aus.
Der Altbergkamm und die obersten Meter von Gubrist und Haslern schauten knapp über das Eis hinaus. Der Katzensee war ein Eislochsee aus dem Schlieren-Stadium, während später im Zürcher-Stadium der Gletscher das Furttal bereits nicht mehr erreichte. Seine Zunge lag im Glattal bei Dübendorf und der Zungenbeckensee reichte bis Oerlikon. Die Hänge im Furttal waren aber noch nicht bewaldet und der Boden immer noch tiefgefroren (Permafrost) …
In den anschliessenden Jahrtausenden stiessen die Gletscher noch einige Male kurzfristig bis in die Täler vor. Dazwischen lagen wärmerer Abschnitte, in denen Wacholder und Föhre in unsere Gebiete einwanderten. Nach und nach bildeten sich während kurzer Zeit eine zusammenhängende Wasserfläche von Chur bis zum Bodensee und über Sargans durch das Seeztal bis über Zürich hinaus.
Vor rund 10’000 Jahren war es dann soweit. Mit dem zunehmend wärmeren Klima entstand eine geschlossene Pflanzendecke. Bär, Wolf und Luchs breiteten sich aus, während das Mammut und der Höhlenbär nebst einer weiteren Reihe von Arten ausstarb …»
«Kleine Geologie», Aus der Erdgeschichte unserer Gegend von Peter Müdespacher, Dietikon. Hematkundliche Vereinigung Furttal, Mittelungsheft Nr. 48
Natürlich gab es an der Bezirksschule noch weitere Lehrpersonen ausserhalb der Hauptfächer. Skeptisch erinnere ich mich an den Turnlehrer. Obwohl ich in etlichen Disziplinen vor allem in der Leichtathletik nicht schlecht war (80 m Schnelllauf in 9 Sekunden oder 3,5 m an der senkrechten Kletterstange – eine Disziplin, welche es z.B. an der Rekrutenprüfung heute nicht mehr gibt, weil keiner mehr an einer Stange hochklettern kann – in 2,9 Sekunden) erhielt ich im Turnen im Zeugnis eine nur gerade genügende Note. Ich fragte auf Anraten meines Vaters den Turnlehrer, weshalb dies so sei. Seine äusserst interessante Antwort: «Ja, Hauri, bei dir liegt es an der Leistung». Er hat mich tatsächlich mit einem anderen Schüler verwechselt… Danach waren meine Turnnoten wieder in Ordnung.
In der zweiten Bezirksschulklasse hatten wir ein Semester lang das Fach Technisches Zeichnen. Es ging dabei um das korrekte zeichnerische Umsetzen mit präzisen Massangaben von verbalen Vorgaben. Zuerst konstruierte wir mit Massstab, Winkel und Zirkel die Aufgabenlösung auf weisse A3-Blätter mittels Bleistift. War dann die Aufgabe korrekt gezeichnet, mussten wir die Bleistiftzeichnung mit Hilfe der Reissfeder und Tusche in die definitive Präsentations-Form bringen.
Bei diesem Umsetzen las der junge Lehrer aus dem gerade neu erschienenen Buch «Mein Name ist Eugen» vor, der bekannte Lausbuben-Klassiker des Berner Pfarrers und Gemeindepolitikers Klaus Schädelin aus dem Jahr 1955. Wir fanden diese Geschichte sehr unterhaltend und freuten uns schon deswegen jeweils auf den technischen Zeichenunterricht.
Kadetten
Viele Bezirksschulen im Kanton Aargau unterhielten damals noch Kadetten. Es war dies ein sportlicher und in einzelnen Schulen auch paramilitärischer, obligatorischer Halbtag pro Woche. Wir machten in Turgi vorwiegend Orientierungsläufe und lernten mit Landkarten und Kompass sehr präzis umzugehen. Die Organisation war indessen militärisch in Kompanie, Zügen und Gruppen aufgeteilt. Die Viertklässler wurden gemäss ihren sportlichen Fähigkeiten und Schulleistungen zu Beginn der vierten Klasse als Offiziere und Unteroffiziere eingesetzt. Ich hatte sehr viel Glück und erhielt die höchste Charge, nämlich diejenige des Kompaniekommandanten.
Der Antritt zur Besammlung war immer am Freitag-Nachmittag vor dem Schulhaus. Als Zuschauer und Zuschauerinnen anwesend waren oft auch jüngere Schüler und vor allem die Klassenkameradinnen, welche letztere den höheren Chargen damals gelegentlich schöne Augen machten …, als wären wir Stars – waren wir auch!
In negativer Erinnerung ist mir eine Zahnlücke in meinem vorderen oberen Gebiss geblieben. Ich hatte doch tatsächlich als 15-jähriger noch einen Milchzahn verloren. Dies tat jedoch der Bewunderung durch die Mädchen keinen Abbruch.
Anlässlich der Einweihung 1958 des neuen Schulhauses in einem wunderschönen Park direkt an der Limmat gab es ein grosses Dorf-Fest, an welchem die Kadetten unter den Wirbeln der Tambouren vom alten zum neuen Schulhaus marschierten. Als Kompaniekommandant hatte ich allein voraus zu marschieren. Die Strassenränder waren von den Bewohnern dicht gesäumt. Wegen der Zahnlücke hielt ich den Mund wenn möglich geschlossen. Allerdings musste ich gelegentlich einen Befehl brüllen, damit die Kolonne nicht auseinanderdriftete. Und dazu musste ich wohl oder übel den Mund öffnen. Aber offenbar war ich der einzige, den die Zahnlücke gestört hatte… Und wegen dem Stimmbruch war es manchmal auch eine Herausforderung «Kompanie, in Kompaniekollonne Sammlung» zu schreien.
In der Bezirksschule hatte es eine ziemlich grosse Bibliothek, die neben Belletristik auch eine Menge technischer Informationen enthielt. Zuhause hatte ich bereits einige Bände Helveticus ab Band 20. Der Helveticus war ein Schweizer Jugendbuch, ein buntes Jahrbuch von Spiel und Sport, von Erfindungen und Entdeckungen, Bastelarbeiten und Abenteuern aus aller Welt. Von meinem Verwandten Vetter Ernst erhielt ich dann noch alle vorgängigen Bände bis hinunter zu Band 3. Aus diesen Bänden baute ich einige Anleitungen nach, zum Beispiel eine Wetterstation (Hygrometer mit einem langen Haar meiner Mutter) und einen Röhren-Verstärker. Noch vorher hatte ich mir einen Kristall-Dioden-Empfänger mit Kondensator gebaut, an welchem ich ohne Stromversorgung mit einem Kopfhörer den Mittelwellensender Radio Beromünster unter der Bettdecke hören konnte. Neben einer Diode, Widerständen und einem Drehkondensator war dazu eine Antenne notwendig, welche ich über einen Draht vom Fenster aus bis zum Dachboden legte, sowie eine Erde, welche ich über die Erdschutzverbindung einer elektrischen Steckdose in Betrieb nahm. Später habe ich dann den Kristall-Empfänger am Röhrenverstärker angeschlossen, um auch über Lautsprecher Radio hören zu können.
Ja, und auch der Kastendrachen für mein Kindergartenprojekt stammte ursprünglich aus dem Helveticus. Bei solchen und anderen Nachbauten nach Plänen und Beschreibungen habe ich bereits eine ganze Menge über Elektronik und Elektrik, aber auch über Mechanik gelernt.
Mein Vater war Betriebselektriker an der Elektrochemie Turgi. Von ihm habe ich ebenfalls sehr viele elektrotechnische Grundlagen aufgeschnappt und durch ihn materialmässigen jeweils Nachschub erhalten.
Tödliche Kinder- und Erwachsenenkrankheiten
Während meiner Schulzeit herrschten in der Schweiz grauenhafte, ansteckende Krankheiten, welche man anfänglich weder impfen konnte noch wollte. Die wohl hartnäckigste, über deren Impfung jedoch weitherum Konsens herrschte, waren die Pocken. Keine Eltern und keine Kinder waren mir bekannt, die nicht am Oberarm einen kleinen Schmiss aufwiesen, welcher die Infizierung mittels Kuhpocken zeigte. Die Pockenimpfung war eigentlicher Synonymus für das Impfen. So sagte ich meiner Gotte beispielsweise: «heute bin ich geimpft worden». Erst als sie nachfragte, gegen welche Krankheit, wurde mir bewusst, dass man offenbar verschiedene Krankheiten impfen kann.
Keine Impfung gab es gegen Masern und gegen die Wilden Blattern; beide Kinderkrankheiten musste man durchstanden haben, um eine Immunität zu erzielen. Dass man sich mit den Wilden Blattern die Voraussetzung holte, um im Alter an Gürtelrose zu erkranken, wusste man natürlich noch nicht.
Das Schlimmste jedoch war die Kinderlähmung, welche überall in der Schweiz wütete und stark gebrechliche Kinder hinterliess. Sobald auf dem Land irgendwo die Kinderlähmung ausbrach, wurde das Haus und die Zufahrt isoliert. Oft wie bei der Maul- und Klauenseuche der Rinder durch Strassensperrungen und das Verteilen von Chlorkalk.
Die Wissenschaft arbeitete wie wild an der Entwicklung eines Impfstoffes.
Der von Jonas Salk entwickelte Impfstoff stand ab 1955 in den USA zur Verfügung und wurde ab 1956/57 in der Schweiz zu ersten Massenimpfungen verwendet. Der in mehreren Dosen gespritzte Impfstoff führte danach zu einer deutlichen Einschränkung der Polio-Epidemien. Ab 1961 folgte der orale Schluckimpfstoff von Albert Sabin, der einfacher zu verabreichen war und dazu führte, dass die Schweiz seit 1989 poliofrei ist. Ich wurde im Januar, Februar und April 1957 mit Salk geimpft und ab 3. März 1961 bis Februar 1963 (Rekrutenschule mit dem Impfstoff Koprovsky I bis IV . Danach folgten orale Zusatzimpfungen Polioral I bis IV in den Jahren 1963, 1969, 1975 und 1980.
Eine weitere Geissel war die Lungen-Tuberkulose, welche zur bekannten Kurortindustrie in Davos und auf der Barmelweid im Aargau geführt hat. An diesen Orten hatte man die Patienten unter Decken an die Sonne gelegt und gehofft, die UV- Strahlen würden die Entzündungen heilen. In der Regel blieb es bei der Hoffnung. Was wirklich fehlte, war ein Antibiotikum.
Ab ungefähr 1954 gab es einen abgeschwächten Impfstoff aus Rindertuberkulose, welcher gegen das Mycobacterium tuberculosis eine Wirkung erzeugt und das Ansteckungsrisiko reduzierte. Mir wurde das 3 mal 1954 gespritzt. Weil die Impfung auch gewisse Nachteile hatte, begann man 1957 mit der Moro-Probe. Es war dies eine Salbe, welche auf einer kleinen Stelle der Brust eingerieben wurde. Gab es an dieser Stelle nach einigen Tagen einen Ausschlag, war man gegen Tuberkulose immun und musste nicht geimpft werden. Alle anderen galten nicht als immun und wurden der Tuberkulin-Impfung unterzogen. Bei mir fanden weitere solche Impfungen seit 1954 bis zur Rekrutenschule 1963 statt.
Mit diesen Impfaktionen wurde die Tuberkulose in unseren Ländern ausgerottet und die Gebirgs-Lungensanatorien waren nicht mehr notwendig.
Eine weitere Krankheit hiess Keuchhusten. Es war dies ein extremer Husten, der oft bis zum Erbrechen und zur Lungenentzündung führte. Auch gegen diese Kinderkrankheit gab es kein vernünftiges Mittel. Gutsituierte Eltern brachten ihre Kinder in die ehemaligen Lungensanatorien oder an die Nord/Ostsee oder spendeten ihnen einen längeren Aufenthalt in einem offenen Flugzeug, welches bis gegen 4000 m.ü.M. aufstieg. Es soll vorgekommen sein, dass letzteres gewirkt hat. Heute erfolgt die Grundimmunisierung gegen Keuchhusten mittels dreier Impfungen im ersten Lebensjahr. Zwischen 9 und 17 Jahren muss sie aufgefrischt werden und bei Erwachsenen erfolgt die nächste Impfung zusammen mit der Tetanus- und Diphterie-Auffrischung.
Sekundarstufe II
Meine nächste Schulstufe war das Lehrerseminar für Männer im Kloster Wettingen. Die Primarlehrer-Ausbildung fand damals noch nicht auf Stufe pädagogischer Fachhochschule statt, sondern auf Sekundarstufe II (auf Stufe Gymnasium). Im zarten Alter von 19 oder 20 Jahren konnte man daher bereits frischgebackener Primarlehrer sein. Im Aargau gab es damals zwei geschlechtergetrennte Lehrerseminarien; Aarau für Frauen und Wettingen für Männer.Das wirklich Gute an dieser Ausbildung war der Ort, nämlich das Zisterzienser Kloster Wettingen mit dem Karpfenteich (den Namen des uralten, legendären Karpfens habe ich jedoch vergessen, hiess er wohl Fritz?) bei der Einfahrt und dem wundervollen Chorgestühl in der Kloster-Kirche, durch eine Geheimtüre direkt mit dem Konvikt verbunden. Besonders angetan war ich von einer geschnitzten Figur an einem Sessel dieses Chorgestühls: Es zeigt den Abt aus der Zeit als dieses Gestühl erstellt wurde. Auf dessen Nase ist eine Fliege geschnitzt! Es sei dies die Rache des Künstlers, welcher sich dadurch gegen das dürftige Essen und die schlechte Bezahlung seiner Arbeit zu wehren wusste!
Die Studierenden waren entweder externe oder interne, welche letztere im Kloster wohnten, wie dereinst die Mönche. Ich war ein Externer. Die Unterrichtsfächer entsprachen mehr oder weniger dem eines Gymnasiums (ohne die antiken Sprachen), angereichert durch Praxislektionen in der sogenannten Übungsschule sowie vermehrtem Musik- und Gesangsunterricht. Auf dem Stundenplan waren auch Fächer wie Pädagogik, Psychologie und Methodik aufgeführt. Ob die dabei vermittelten Inhalte wirklich etwas mit der Fachbezeichnung zu tun hatten, bezweifelte ich damals – und heute erst recht.
Nie wieder hatte ich später eine Ausbildungsstätte gesehen mit einer derartigen Anhäufung von seltsamen Typen im Lehrkörper.
Es gab einige, leider (sehr) wenige, wirklich ausgezeichnete Dozenten, ein paar mehr, die meinten, sie seien gut und sehr, sehr, sehr viele in meinen Augen völlig Unbrauchbare. Dass der Naturkundelehrer, der Chemielehrer und der Physiklehrer («Joo Köbeli, Köbeli», das war sein Credo; dabei strich er dem Studenten tatsächlich mit seiner Hand durchs Haar … ca. 1959; und niemand ausser mir fand das damals besonders übergriffig) fachlich und methodisch brauchbar bis sogar gut waren, wenn auch nicht alle genial, konnte ich daher für meine speziellen Interessen mehr oder weniger zufrieden sein.
Dagegen gab es eine Anzahl – nenne wir sie Humoristen – von denen man nicht so richtig wusste, wie sie es geschafft hatten, auf dieser Stufe angestellt zu werden. Ein ganz besonderer Humorist (ein schöner Mann mit wulstigen Kusslippen) war der damalige Direktor, der meiner Klasse Geschichte erteilte. Er fing dieses Fach einmal mehr in der Frühzeit an und der Dozent schwärmte monatelang von der Aphrodite mit dem schönen Arsch, ohne dabei wirklich etwas Wissenswertes zu vermitteln oder auch nur sich auf die Lektion korrekt vorbereitet zu haben. Positiv hervorzuheben dagegen ist, dass der Direktor (welcher hochwohlerhaben im Kloster in der früheren Abt-Wohnung residierte) eine wunderhübsche Tochter in unserem damaligen Alter hatte und durch diese in den Augen von uns Seminaristen in gewissem Masse geadelt wurde.
Deutsch und anfänglich auch Französisch (!) hatte ich bei einem dieser bösen Kerle mit rabenschwarzem Bartschatten. Diesmal also einen männlichen Bösling, der mit Gottfried Keller promoviert hatte. Der Kerl verlangte doch tatsächlich, dass man jede Woche in der ersten Lektion am Montagmorgen ein Gedicht aus den Deutschen Lyrikern auswendig lernen und nach dem Zufallsprinzip fehlerfrei vortragen musste. Ich wollte doch nicht Schauspieler werden! Und das mit dem Auswendiglernen war überhaupt nicht mein Ding. Aber ich bewunderte einen Klassenkameraden, den spätere Dramaturgen und Schriftsteller Christian Haller, welcher die Gabe besass, ein Gedicht fehlerfrei, mitreissend und dramaturgisch perfekt zu rezitieren. Ihm zuzuhören war ein Genuss und ich wunderte mich, wie jemand auf die schlechte Idee kommen konnte, mich statt ihn zum Vortragen eines Gedichts aufzurufen!
Christian Haller erhielt aktuell 2023 den Schweizer Buchpreis für das neueste Werk «Sich lichtende Nebel». Er kann jedoch bereits auf eine beachtliche Sammlung früherer Auszeichnungen zurückschauen, wie den Aargauer Literaturpreis 2007, den Einzelpreis der Schillerstiftung 2007, den Kunstpreis des Kantons Aargaus 2015.
Übungsschule
Die Übungsschule war in einem separaten Gebäude unterhalb des Klosters direkt am Flusslauf der Limmat, dem so genannten «Palazzo», untergebracht. Zwei Übungslehrer unterrichteten dort raffiniert vorgekochte Schülerinnen und Schüler zwischen 1. und 4. Klasse und erteilten uns Seminaristen gemäss Stundenplan angeblich so etwas ähnliches wie Pädagogik und Methodik (so sagten sie zumindest), wobei wir einen Teil des Unterrichts zu erteilen und uns dazu minutiös vorzubereiten hatten. Beim Probeunterricht sassen die Schulkollegen als Zuschauer und Kritiker mit im Klassenzimmer.
Einer dieser Übungslehrer war ein Poet; von uns Pööt genannt: «Blümlein rot, Blümlein gelb, Blümlein blau, oh Blümlein, oh».
Beim Übungsunterricht in der ersten Primarklasse ging es bei meinem Jahrgang um die Vermittlung eines klassischen Märchens. Ein solches aus der Feder der Gebrüder Grimm oder aus 1001 Nacht musste möglichst dramaturgisch erzählt und einzelne Details daraus mit den Kindern dramatisiert werden. Natürlich musste jede Minute in einer ausführlichen Präparation festgehalten und zudem über den tieferen Sinn des Märchens philosophiert werden. Wir Seminaristen machten uns einen Spass daraus, über den tieferen Sinn des Märchens anderer Meinung zu sein als der Übungslehrer. Vor allem über die in den Märchen vorkommenden, teils extremen Grausamkeiten war unsere Meinung diametral zu der herrschenden Lehrmeinung. Allerdings musste man vorsichtig sein. Denn abweichende Meinungen wurden einem zur Last gelegt und mit einer schlechteren Note bewertet. Wieder einmal musste ich mir vorstellen, wie später diese Übungslehrer in der Hölle schmerzhaft zu einem christlichen Weltbild umerzogen würden. Allerdings waren es nicht wirkliche Böslinge. Sondern nur dumm.
Strudelwürmer
An eine besondere Episode im Naturkundeunterricht – welche fast in die Hosen ging – erinnere ich mich noch. Wir hatten eine Semesterarbeit in Zweiergruppen zu machen. Mein Kollege «Griff» und ich wählten als Thema Strudelwürmer (Turbellaria, welche nur 1 bis 3 cm messen und eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Geist aufweisen) und welche in nahezu allen Gewässern im Mittelland vorkommen. Nach intensiven Vorrecherchen und dem Fangen einiger dieser Strudelwürmer legten wir das Projekt fürs erste aus Eis und vergassen es. Erst am frühen Abend vor dem Abgabetermin kam es mir in den Sinn und ich fragte den Kollegen telefonisch (der am anderen Ende des Kantons wohnte) was er gemacht hatte. Nichts.
Ich hatte daher eine schlaflose und äusserst arbeitsreiche Nacht (ohne die Möglichkeiten einer Internet-Recherche) und machte die Arbeit allein, so gut es ging. Ich gab sie gerade noch rechtzeitig ab. Nach einigen Wochen war die Sache kontrolliert und benotet. Wir bekamen eine 1. Damals war die Note 1 die beste, wie heute die 6. Und wir wurden über das Klee gerühmt, weil wir damals offenbar die ersten überhaupt waren, welche den Fressvorgang des bestimmten Wurms (welcher wie gesagt inmitten des Körpers eine Fressöffnung hat) mit derartiger Präzision beschrieben haben. Der Lehrer Dr. Zehnder forderte uns auf, die Arbeit unbedingt in den nächsten Neujahrsblättern zu veröffentlichen (was wir wohlweislich nicht befolgten). Heute ist der Fressvorgang bekannt und vielfach beschrieben. Er weicht interessanterweise kaum von unserer «Beobachtung» ab. Dies zeigte mir einmal mehr, wie logisches, vernetztes Denken auch unter extremer Zeitnot und das konsequente Ausschliessen von offensichtlich Unmöglichem manchmal zum Ziel führt. Natürlich-künstliche Intelligenz?
Klosterfeuerwehr
Als Seminarist durfte man der freiwilligen Kloster-Feuerwehr beitreten. Dies war insofern erwünscht, als ein Lehrer im Dorf, in dem er einmal arbeiten wird, ebenfalls wünschenswerterweise in der Feuerwehr eine leitende Charge übernehmen sollte. Ich trat also ein und besuchte ungefähr 8 bis 10 mal im Jahr eine Übung. Weil das Cisterzienser-Kloster Wettingen natürlich ein sehr schützenswertes Objekt darstellt, war für dessen Schutz die Berufsfeuerwehr Baden zuständig. Diese wurde im Brandfall von einigen Freiwilligen unterstützt, von denen jeder seine genau zugeteilte Aufgabe hatte. Ich war zuständig für den Luftreifen vorne links des Feuerwehrautos. Das hatte folgende Bewandtnis: Das Drehleiterfahrzeug war ungefähr 10 cm zu hoch, als dass es durch den Torbogen der Zufahrt zum Kloster passte. Die «Ventilisten» hatten bei einem Brandfall bei diesem Torbogen zu warten, bis das Feuerwehrauto davorstand. Dann mussten sie beim zugewiesenen Rad alle gleichzeitig die Luft weitgehend aus den Reifen lassen. Das Fahrzeug wer dann nicht mehr zu hoch, so dass es gerade knapp durch den Torbogen fahren konnte. Natürlich waren für jedes Rad eine Vielzahl von Seminaristen zuständig, für die Nacht vorwiegend die Kollegen, welche intern im Konflikt schliefen und tagsüber zum gerechten Ausgleich kamen die Externen zum Zuge.
Nebenbei erlernten wir natürlich auch noch alle anderen Disziplinen, welche ein Feuerwehrmann beherrschen sollte.
Herbarium
Ich glaube, es war im Biologieunterricht der ersten Klasse, als ein Herbarium mit Schweizer Flora erstellt werde musste. Wir lernten zuerst, wie ein solches idealerweise zu erstellen ist. Mein Vater hat mir für die Exkursionen eine metallene Gittermappe im A-3-Format erstellt, die es leicht ermöglichte, die gepflückten Pflanzen vorzutrocknen und vorzupressen. Gleichzeitig mit dem Sammeln der Pflanzen musste die wissenschaftlich korrekte Bestimmung der Pflanze zum Beispiel anhand ihrer Anzahl und Anordnung der Blütenstempel nach der Methode von Linné oder der natürlichen Art bestimmt werden. Wenn durch diese Bestimmung ein kleines Veilchen als Baum mit bis zu 40m hohem Stamm beschrieben wurde, hatte man ganz offensichtlich einen Bestimmungsfehler gemacht. Als Handbuch zur Bestimmung diente das Handbuch «Binz – Schul- und Exkursionsflora für die Schweiz, Bestimmungsbuch für die wildwachsenden Gefässpflanzen».
Für mein Herbarium hatte ich sehr viele Exkursionen gemacht und in den Sommerferien auch einen mehrwöchigen Aufenthalt im Unterengadin zum Sammeln und Bestimmen verbracht. Es entstand ein überaus reichhaltiges und ansprechendes Herbarium mit mehr als 150 Pflanzen. Die Arbeit erhielt eine sehr gute Note und ich konnte es später zu einem lukrativen Preis an einen jüngeren Schüler verkaufen. Offenbar war das Herbarium bzw. Teile davon mehrere Jahre im Gebrauch, bis die gepressten Pflanzen nicht mehr sehr gut aussahen und dies einem Biologielehrer auffiel …
Aargauer Jugendparlament
Im zarten Alter von etwa 17 bis 18 Jahren war ich eine Zeitlang parlamentarisches Mitglied im Aargauer Jugendparlament. Dieses Übungs-Parlament für Jugendliche diente der politischen Entwicklung und tagte an bestimmten Samstagen im selben Saal wie der Grosse Rat in Aarau. Es gab eine Art Parteien, die im Parlament als Fraktionen organisiert waren. Zusammen mit einigen Kollegen vorwiegend aus dem Lehrerseminar Wettingen bildeten wir unter der Leitung von Peter Meuwly die Europa-Fraktion. Das heisst, wir interessierten uns für die Zukunft von Europa und debattierten über Vor- und Nachteile verschiedener Zusammenschlüsse von Vereinigte Staaten von Europa gemäss Winston Churchill oder dem Europa der Vaterländer, wie es Charles de Gaulle postulierte. Mit der Fraktion besuchten wir auch einige entsprechende, hochdekorierte Anlässe, sofern diese für uns gut erreichbar waren.
An einem solchen Anlass in Genf lernten wir neben anderen politischen Exponenten, welche damals eine Meinung zu Europa hatten, Jeanne Hersch persönlich kennen. Jeanne Hersch wurde kurze Zeit später die erste ordentliche Professorin in Genf für systematische Philosophie. Später leitete sie die neugegründete Abteilung Philosophie der UNESCO. Ihre Hauptthemen waren Freiheit und Verantwortung, die Sinnfrage, Erziehung, Menschenrechte, Demokratie, Schweiz und Europa. Sie war eine begnadete Lehrerin.
Peter Meuwly kandidierte in sehr jungen Jahren für den Kanton Aargau als Ständerat. Wir unterstützten ihn so gut es zeitlich ging und er erreichte immerhin einen Achtungserfolg. Zu einer nächsten Kandidatur nach vier Jahren kam es dennoch nicht, denn Peter Meuwly verschied kurz nach der Nichtwahl als sehr junger Mann an plötzlichem Herzversagen. Das war dann wohl auch der Grund, weshalb sich die Europa-Fraktion am Jugendparlament bald darauf auflöste.
Marchesi und die Fotografie
In meinem Bericht habe ich mich erst ansatzweise mit Fotografie beschäftigt (Drachenfotografie im Kindergartenalter).
Die Fotografie hat mich seither jedoch nie mehr ganz aussen vorgelassen. So hatte ich immer einen Fotoapparat. Zur Konfirmation wünschte ich mir Geld für eine gute, modernen Apparatur. Ich kaufte mir 1959 nach sehr langer Recherche eine Kodak Retina Reflex Typ 025.
Kodak Reflex 025 (Aufnahme Kurt Tauber, Deutsches Kameramuseum)
kameramuseum.de
Es war dies eine jener frühen Spiegelreflexkameras, bei denen sich nicht das gesamte Objektiv auswechseln liess, sondern nur einen vorderen Teil (vor der Blende und dem Zentralverschluss). Mit drei verschiedenen, auswechselbaren Vorderteilen standen so neben der Normalbrennweite von 50 mm noch ein 35er Weitwinkel und ein 80er leichtes Tele zur Verfügung. Ich hatte mich damals für diese Kamera mit einem Zentralverschluss bis zur 1/500 Sekunde entschlossen, weil die wenigen anderen Spiegelreflex-Kameras (wie auch die legendäre Sucherkamera Leica) einen Gehäuse-Schlitzverschluss aufwiesen. Die Zeiteinstellung jener Stoff-Schlitzverschlüsse gingen zwar bis zur 1/1000 Sekunde; aber diese kurze Zeit wurde durch Verkleinerung des Schlitzes erreicht und dieser benötigte eine lange 1/30 Sekunde (Grenz-Synchronisationszeit) bis er abgelaufen war… Demgegenüber war und ist ein Zentralverschluss ein Echtzeit-Verschluss.
Die Kamera begleitete mich oft und einmal opferte ich in den Ferien im Engadin fast mein ganzes Taschengeld, um bei Feuerstein in Scuol einen Farbdiafilm 135 mit 36 Aufnahmen zu kaufen; Agfacolor-Diafilm (später hiess er Agfachrome) kostete mit Entwicklung und in Karton gerahmten Dias etwas über 20 Franken. Logischerweise fotografierte ich daher meistens schwarzweiss und bald auch auf selbst abgefüllte Meterware – aus Kostengründen.
Wenn man den 35-mm-Kinofilm schon selber in Kassetten abfüllt, kann man die Filme auch selber entwickeln. Bereits ein Jahr vorher erhielt ich ein Buch über die Pressefotografie geschenkt. Darin wurden auch die Grundlagen der Dunkelkammertechnik wie das Filmentwickeln und das Vergrössern beschrieben sowie viele Rezepturen aufgeführt. Ich kaufte mir günstig von Agfa eine Agfa Tageslicht-Entwicklungsdose Rondinax 35 U.
Agfa Tageslicht-Entwicklungsdose Rondinax 35 U
Diese ermöglichte es, eine Kleinbildpatrone bei hellem Licht einzulegen, die Dose zu schliessen und mit Entwickler zu füllen. Durch Drehen einer Kurbel wurde der Film aus der Patrone gezogen, durch den Entwickler geführt und auf einer Mittelachse aufgewickelt. Wenn das Aufwickeln nicht mehr weiter ging, drehte man die Kurbel auf die andere Seite, wodurch der Film im Bad aufgwurstelt und auf die andere Seite aufgerollt wurde. Danach änderte man die Drehrichtung wieder und wieder, bis die Entwicklungszeit abgelaufen war. Auf gleiche Weise geschah die Zwischenwässerung und die Fixage. Für die Schlusswässerung war es empfohlen, den Film herauszunehmen und in einer Schüssel mit fliessendem Wasser zu geben. Unglaublicher Weise waren die Resultate trotz dieser entwickelnden Tortur akzeptabel. Etwas später, als ich mir im Elternhaus ein dunkles Kabäuschen einrichten konnte, wechselte ich dann von der Tageslichtentwicklungsdose zu der besten Spiraldose auf dem Markt von Jobo (Johannes Bockemühl, Derschlag 10, Köln; das fand ich eine lustige Adresse).
Ich probierte bei der Dosenentwicklung die verschiedensten Entwickler aus und begann bald einmal aus Rohchemikalien selbst zusammengesetzte Entwickler zu verwenden und deren Wirkungsunterschiede penibel genau zu beschreiben und festzuhalten.
Ein Vergrösserungsgerät hatte ich noch keines. Dazu gab es jedoch im Physikraum des Lehrerseminars ein Fotolabor mit einigen Vergrösserungsgeräten, die man in der Freizeit verwenden durfte. Mit Hilfe der Anweisungen im Buch über die Pressefotografie brachte ich mir die Vergrösserungstechnik selber bei. Gewisse Hilfsmittel, wie ein antistatisches Staubtuch (das bekannte, gelborange von Ilford) fehlte in jenem Labor, gleich wie eine präzise optische Lupe für die perfekte Scharfeinstellung im Strahlengang, Hilfsmittel, die ich mir nach und nach selber beschaffte der schenken liess.
Einmal tauchte der Physiklehrer (Joo Köbeli, Köbeli…) auf und bemängelte, dass meine Kleinbildnegative an den Rändern und hellsten Stellen nicht vollständig durchsichtig sind, sondern einen durchgehenden Grauschleier aufwiesen. Zum Beweis zeigte er mir niedrigempfindliche Rollfilme von sich, welche in der Tat an diesen Stellen absolut schleierfrei waren!
Scheinbar sei mit meiner Entwicklungsmethode etwas nicht in Ordnung, meinte er. Ich erkannte jedoch rasch, dass dieser Grauschleier von der Filmempfindlichkeit abhängig war – je höher die Empfindlichkeit, umso stärker diese GrayBase.
Ich kannte damals nur die Lichthofschutz-Schicht bei niedrigempfindlichen Rollfilmen, eine Lackschicht, welche sich durch das Alkali des Entwicklers auflöste. Das Prinzip des im Träger enthaltenen Lichthofschutzes mittels GrayBase bei Kleinbildfilmen kannte ich nicht und begann daher mit der Recherche, weil ich nicht richtig glaubten konnte, etwas falsch gemacht zu haben.
Aus heutiger Sicht ist es nahezu unvorstellbar, wie schwierig das Recherchieren um 1960 herum war. Ich fand in allen Fototheoriebüchern der damaligen Zeit, die mir irgendwie zugänglich waren, nicht den allergeringsten Hinweis. Und ich vermutete bereits damals, dass sich hier ein unendliches Betätigungsfeld auftun könnte. Den entscheidenden Hinweis über die GrayBase (us) oder GreyBase (eng) erhielt ich dann über einem früheren Schulkollegen, welcher Reprophotograph lernte und in der Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich bei Hans Wahli den Berufskunde-Unterricht besuchte.
Neben dem Werk über Pressefotografie hatte ich in meiner eigenen Bibliothek damals antiquarisch besorgte Fachbücher von Dr. Otto Croy (Heering Verlag), ein damaliger Vielschreiber mit grossem fototechnischem Wissen, welcher ab den 30er Jahren mit der Publikation begann. Die später sehr bekannten Bücher von Andreas Feininger standen damals noch nicht zur Verfügung oder ich konnte diese noch nicht beschaffen. Allerdings bezweifle ich, ob ich in seinen Werken viel echtes Wissen gefunden hätte. Später, als ich seine Werke kennen lernte, entpuppte er sich als eher langweiliger Zeilenschinder ohne tiefschürfende Grundlagen. Allerdings war er ein begnadeter Englisch-Übersetzer!
Ergiebiger waren die Zeitschrift FOTOMAGAZIN und später COLOR FOTO, von denen ich mir viele Jahre ein Abo leistete. Erst etwas später fand ich von Gerhard Teicher, das Handbuch der Fototechnik aus dem Verlag Fotokino Halle/Saal (Ausgabe 1962) in welchem all das zu finden war, was mich besonders interessierte. Es war dies das Handbuch, dessen spätere Ausgabe 1972 im ostdeutschen VEB Fotokinoverlag Leipzig herausgegeben wurde, das ich meinen Schülern wärmstens empfehlen konnte.
Aus der Einsicht heraus, wie schwierig das Recherchieren damals war, begann ich sukzessive mit einem eigenen anlogen Ausschnittarchiv. Ich archivierte alles Wissenswerte über Fotografie, das ich irgendwo zu lesen bekam und ordnete es nach wichtigen Stichworten und Querverweisen. Ich legte mir sogar ein Archivmappen-System mit Lochkartenlöchern oben und seitlich an. Mit einem dünnen Metallstab konnte man durch die Löcher eines ganzen Stapels solcher Mappen greifen und hatte dann diejenigen Mappen aussortiert, welche Informationen zur gesuchten Thematik enthielten (sofern die Löcher an den richtigen Orten angebracht wurden!).
Anfänglich interessierte ich mich in erster Linie für Pressefotografie. So machte ich als 16- bis 17-Jähriger erste Reportagen zum Beispiel über das später abzureissende Niederdruck-Kraftwerk an der Limmat der Firma Elektrochemie Turgi mit ihren uralten, faszinierenden Kaplan-Turbinen. Es entstand daraus eine gut halb-seitige Reportage im Badener Tagblatt. Ich kannte dieses uralte Niederdruck-Wasserkraftwerk ja bereits seit meiner frühesten Jugend, weil mein Vater dort alle 4 Wochen Sonntagsdienst als Kraftwerk-Maschinist leistete und ich ihm mit meiner Mutter jeweils das Mittagessen vorbeibrachte.
Oder der örtliche Taxihalter mit Standplatz am Bahnhof Turgi, welchen ich mit reizvollen Nachtaufnahmen seiner Taxiflotte beehrte, kaufte mir alle Vergrösserungen für gutes Geld ab.
In meinem zweiten Ausbildungsjahr am Lehrerseminar, ging ich ausgerüstet mit einer Presseempfehlung des Badener Tagblatts an das Filmfestival Locarno. Um möglichst wenig Geld fürs Übernachten und die Reise zu verbrauchen, reiste ich zusammen mit einem
Meine neu erstandene Hermes Baby
Schulkollegen per Autostopp ins Tessin und logierten im kleinen Zweierzelt auf dem Camping Delta in Locarno. Die Tageslichtentwicklungsdose kam hier wieder zum Einsatz sowie meine neu erstandene Hermes Baby Schreibmaschine. So konnte ich der Redaktion jeweils Berichte und die dazu passenden Negative per Z-Sendung mit der Bahn zukommen lassen. Gelegentlich wurde auch etwas davon veröffentlicht (und bezahlt).
Es war die Zeit, als am Festival deutsche Schauspieler wie Heinz Rühmann (Mein Schulfreund) oder Conny Froboess und Peter Kraus, aber auch Helmut Zacharias und seine verzauberten Geigen zu treffen waren. An den verschiedenen Presseempfängen der internationalen Filmgesellschaften gab es zudem immer genügend Köstlichkeiten zu essen und zu trinken, an den russischen sogar Kaviar und Sekt. Mit jeweils eingesteckten Köstlichkeiten konnte ich zusätzlich auch meinen Kollegen auf dem Zeltplatz verköstigen.
Das Festival fand damals noch nicht auf der Piazza Grande statt. Wie heute wurden die Filme in den verschiedenen Kinos von Locarno gezeigt und anstelle der grossen Leinwand auf der Piazza Grande war eine solche im Garten des Grand Hotels aufgestellt.
Filmfestival Locarno. Leinwand im Garten des Grand Hotels.
Die Fotografenlehre
Obwohl ich mir selbst während meiner Lehrerausbildung einiges an fotografischen Grundlagen sowohl aufnahme-, wie auch verarbeitungstechnischer Art beigebracht hatte und auch bereits gelegentlich an Primar- und Mittelschulen Fotokurse durchführte, blieb ich naturgemäss ein Amateur, wenngleich auch für damalige Verhältnisse ein ziemlich angefressener. Wegen der sehr schwierigen und langwierigen Informationsbeschaffung hatte ich wenig Möglichkeiten, dies zu ändern. Daher reifte in mir der Gedanke, ob ich vielleicht noch eine Lehre als Fotograf absolvieren sollte. In den Augen meiner Eltern war dies damals eine ziemlich absonderliche Überlegung. Beim Beruf Fotograf dachte meine Mutter an den Fotografen Tschanz aus Windisch – wo sie aufgewachsen war. Dieser Tschanz war ein typischer Dorffotograf, bei dem man seine Passfotos machen liess, der jedoch auch Laborarbeiten für die Bevölkerung erledigte und der am Jugendfest von einer Bockleiter aus fotografierte. Er sah etwas verschlampt aus und trug schon damals eine lange Mähne, weshalb meine Mutter in mir dann auch eine solche Persönlichkeit zu prognostizieren glaubte.
Wie der Zufall im Leben so spielt, lernte ich durch den damaligen Fotografenlehrling Heinz Walti, der später kurze Zeit mein «Oberstift» (Auszubildender an gleichem Lehrort in einem höheren Ausbildungsjahr) wurde, eine junge Frau – Vreni Keller – kennen, welche eben daran war, in einer Fotografen-Lehrstelle in Brugg die Abschlussprüfung (heute nennt sich diese Schlussprüfung Qualifikations-Verfahren) zu absolvieren. Die Lehre dauerte damals noch 3 Jahre und ich versprach mir, infolge meiner Vorbildung und selbst erarbeiteter Erkenntnisse vielleicht noch eine Lehrzeit-Reduktion zu erhalten. Vreni machte mich in der Folge bekannt mit dem Fotografen-Lehrmeister Armin Gessler. Wir wurden rasch handelseinig. Er stellte mich als Lehrling ein und wir unterzeichneten einen Lehrvertrag mit einer auf gut zwei Jahre verkürzten Lehrzeit. Ich durfte sogar die Rekrutenschule während der Lehrzeit absolvieren. Vreni bestand die Abschluss-Prüfung mit Glanz und Gloria, arbeitete danach eine Zeitlang in Zürich bei René Groebli und ich trat bei Gessler als ihr Nachfolger ein. Für die Lehre als Fotograf musste man eine eigene Mittelformatkamera besitzen, eine Hasselblad oder eine zweiäugige Rolleiflex; allenfalls ging auch die Kleinbildkamera Leica. Dies war eine Preisfrage. Am günstigsten war eine Rolleiflex mit einem Tessar-Objektiv. So eine beschaffte ich mir. Bald merkte ich jedoch, dass das Tessar nur gerade ein Format von 4×4 cm einigermassen scharf belichtete; für das volle Format hätte ich ein Planar benötigt…
Wie viele andere Fotografen-Lehrstellen, war die Firma Gessler ein sogenannter Mischbetrieb. Man führte ein Ladengeschäft für die Beratung und den Verkauf von Fotoapparaten und Filmmaterialien, betrieb ein Schwarzweiss-Labor, in welchem die Kundenfilme entwickelt und vergrössert wurden. Farbaufträge wurden angenommen und an ein Grosslabor zur Verarbeitung weitergeleitet. Daneben hatte der Betrieb ein angegliedertes Fotostudio, in welchem grösstenteils Passfotos und Portraitaufnahmen erstellt und gelegentlich auch mal ein Gegenstand.
Wie der Zufall im Leben so spielt, lernte ich durch den damaligen Fotografenlehrling Heinz Walti, der später kurze Zeit mein «Oberstift» (Auszubildender an gleichem Lehrort in einem höheren Ausbildungsjahr) wurde, eine junge Frau – Vreni Keller – kennen, welche eben daran war, in einer Fotografen-Lehrstelle in Brugg die Abschlussprüfung (heute nennt sich diese Schlussprüfung Qualifikations-Verfahren) zu absolvieren. Die Lehre dauerte damals noch 3 Jahre und ich versprach mir, infolge meiner Vorbildung und selbst erarbeiteter Erkenntnisse vielleicht noch eine Lehrzeit-Reduktion zu erhalten. Vreni machte mich in der Folge bekannt mit dem Fotografen-Lehrmeister Armin Gessler. Wir wurden rasch handelseinig. Er stellte mich als Lehrling ein und wir unterzeichneten einen Lehrvertrag mit einer auf gut zwei Jahre verkürzten Lehrzeit. Ich durfte sogar die Rekrutenschule während der Lehrzeit absolvieren. Vreni bestand die Abschluss-Prüfung mit Glanz und Gloria, arbeitete danach eine Zeitlang in Zürich bei René Groebli und ich trat bei Gessler als ihr Nachfolger ein. Für die Lehre als Fotograf musste man eine eigene Mittelformatkamera besitzen, eine Hasselblad oder eine zweiäugige Rolleiflex; allenfalls ging auch die Kleinbildkamera Leica. Dies war eine Preisfrage. Am günstigsten war eine Rolleiflex mit einem Tessar-Objektiv. So eine beschaffte ich mir. Bald merkte ich jedoch, dass das Tessar nur gerade ein Format von 4×4 cm einigermassen scharf belichtete; für das volle Format hätte ich ein Planar benötigt…
Wie viele andere Fotografen-Lehrstellen, war die Firma Gessler ein sogenannter Mischbetrieb. Man führte ein Ladengeschäft für die Beratung und den Verkauf von Fotoapparaten und Filmmaterialien, betrieb ein Schwarzweiss-Labor, in welchem die Kundenfilme entwickelt und vergrössert wurden. Farbaufträge wurden angenommen und an ein Grosslabor zur Verarbeitung weitergeleitet. Daneben hatte der Betrieb ein angegliedertes Fotostudio, in welchem grösstenteils Passfotos und Portraitaufnahmen erstellt und gelegentlich auch mal ein Gegenstand (Sachfotografie) fotografiert wurde.
Firmen in der Umgebung bestellten Aufnahmen für Produkte in ihren Produktionsstätten (Industriefotografie). Und für hochzeitswillige Paare wurden Hochzeitsreportagen mit und ohne Album, für die Zeit nur nach der Kirche oder zeitumfassend während den gesamten Feierlichkeiten bestellt und ausgeführt. Als besonderes Highlight besass Gessler auch eine 16-mm Bolex (Filmkamera-Ausrüstung) und so wurden hie und da besondere Hochzeiten oder auch Industriereportagen als Film zur Ergänzung zum Stehbild angeboten und durchgeführt.
Als ein ganz besonderes Hochzeits-Highlight erinnere ich mich an die Hochzeit des ältesten Sohnes der Stahlbaufirma Wartmann in Brugg, welche Firma zum Industrie-Kundenstamm von Gessler gehörte. Die Hochzeit dauerte 2 Tage, gefeiert wurde in einem Hotel am Vierwaldstättersee. Gessler mitsamt der gesamten Belegschaft machte die fotografische Hochzeitsreportage über beide Tage und erstellte zusätzlich einen 16-mm-Film. Teile dieses Films durfte ich anschliessend schneiden. Lustig war, dass ich an diesen Festlichkeiten den jüngeren Bruder des Bräutigams, Thomas Wartmann, kennen lernte. Thomas traf ich dann später erneut, nachdem ich nach Oberflachs zügelte und dort einige Jahre ein eigenes Fotostudio betrieb. Für meinen Lehrling suchten wir ein Zimmer im Ort und hörten von zwei jungen Studenten, welche am oberen Dorfrand ein uraltes Haus – die «Wyssi» gemietet hatten. Thomas war einer jener Studenten…
An einen anderen grösseren Filmauftrag erinnere ich mich noch. Für die sehr langsam beginnende Gross-Computer-Technologie gab es in Schinznach-Dorf eine Druckerei, welche Zebra-Zickzack Druckpapier für die schnellen, riesigen Nadeldrucker herstellte. Für dieses Druckerei machten wir einen 16-mm-Werbefilm, welche sowohl die Druckereiprodukte, wie vor allem auch deren Einsatz in einer Grosscomputerei in Wettingen zeigten. Sehr spannend, damals schon.
Die Voraussetzungen für eine Fotografen-Lehre waren bei Foto Gessler gegeben, denn es wurden alle vorgeschriebenen Sachgebiete erarbeitet: Porträt, Sachfotografie, Reportage, Reproduktion und Verkauf. Neben dem Inhaber Armin Gessler arbeitete seine Gattin mit, welche in erster Linie im Verkauf tätig war und die Negativretusche betreute, ein Bruder des Chefs, vorwiegend für die schwarzweissen Kontaktkopien zuständig und in der Regel zwei Lehrlingen in zwei verschiedenen Lehrjahren.
Für den wöchentlichen Berufsschulunterricht konnte ich zwischen den Lehrorten Zürich und Luzern wählen. Die Gessler-Stiften (Stiften = schweiz. für Lernende) fuhren normalerweise nach Luzern. Also entschied ich mich ebenfalls für diesen Schulort. Vor allem aus zwei Gründen: Zürich kannte ich als Stadt bereits gut, Luzern weniger. Aber vor allem wegen den Lehrpersonen. Der damals einzige Fotolehrer Eggenberger in Zürich war mir vorwiegend bekannt wegen späteren illustren Namen, welche zu ihm in den Unterricht gingen. Ich denke dabei unter anderen an René Groebli, welcher eine Zeitlang dort zur Schule ging, bevor er eine Filmausbildung anfing. In Luzern dagegen unterrichteten zwei weit herum bekannte Fotografen und Lehrer: Hans König und James Perret, beide in der Grossformatfotografie sehr bekannte Spezialisten. Hans König war zu jener Zeit zudem Berufsoffizier in der Schweizer Armee.
Neben den Fotografen mit ihren damals dreijährigen Ausbildung gab es noch den Beruf des Fotolaboranten; ebenfalls dreijährig. Diese erhielten ihre Ausbildung entweder in einem Fotolabor oder in einem Mischbetrieb. In Luzern war die erste Klasse gemischt aus Fotografen und Fotolaboranten. Vom zweiten Lehrjahr an liefen die beiden Berufe in separaten Unterrichtseinheiten.
Ich genoss die Lehre und den Berufsschulunterricht. An beiden Orten erhielt ich tiefe Einblicke und mein überbordender Wissensdurst konnte ein gutes Stück weit gestillt werden. Meine offenbar rasche Auffassungsgabe und mein bereits vorhandenes fotografisches Wissen kamen in der Berufsschule sowieso, aber auch im Lehrbetrieb gut an. Mit meinem Lehrmeister verband mich eine grossartige fachliche Leidenschaft; ich imponierte ihm oft mit meinem Wissen und wir unterhielten uns in Arbeitspausen köstlich oder wir sassen bei schönem Wetter und geringer Arbeitsbelastung gelegentlich im Strassencafé und diskutierten über Gott und die Welt, genauer über Foto-Gott und die Foto-Welt, die da auch SINAR, Hasselblad, Rolleiflex, Leica, Kodak, Agfa, Gevaert und Ilford hiessen aber auch über Perspektivbeeinflussung, Schärfeausgleich nach Scheimpflug und so weiter. Und wir freuten uns über die im Frühling wieder fröhlich flanierenden Menschen.
Der Lehrmeister vertraute mir und erlaubte es, an Wochenenden teure Fotogeräte mit nach Hause zu nehmen, um damit zu üben. SINARS gab es vollständig ausgerüstete in den Formaten 4×5 inch über 13×18 cm bis 8×10 inch. Oft nahm ich auf dem Gepäckträger des schweren Motorrades meines Vaters einen Sinar-Koffer mit nach Hause und übte mit der Grossformatkamera den Schärfeausgleich so lange, bis ich ihn unter allen Umständen im Schlaf beherrschte. Die damaligen Fachkameras torkelten noch, was heisst, dass die einmal eingestellten Senkrechten nicht senkrecht blieben, wenn man den doppelten Schärfeausgleich über eine doppelt schief liegende Ebene vollziehen musste (was bei kleinen Gegenständen ein Muss war, um die Schärfentiefe bei nicht zu starker Abblendung zu beherrschen). Selbst langjährig tätige Fotografinnen und Fotografen zeigten gelegentlich Mühe mit dem souveränen Schärfeausgleich. Es war kein schöner Anblick, zuzuschauen, wie Fotografierende sich lange mit den Schwenkmechanismen abmühten um schliesslich seufzend wieder alle Standarten gerade (bzw. auf null) zu stellen und dafür auf die allerkleinste Blende abzublenden. Die Schärfentiefe wird bei Abblendung auf 128 möglicherweise nahezu genügen, doch ist das Sujet infolge der dadurch entstehenden Beugung in seiner Gesamtheit unscharf. Von den wunderbaren Möglichkeiten des Stackings wie in der heutigen digitalen Fotografie konnte man nicht einmal träumen.
Die intensive Auseinandersetzung mit der torkelnden Sinar (alle Fachkameras torkelten) hat vermutlich auch dazu geführt, dass ich später bei der Entwicklung von torkelfreien Folgegeräten (SINAR-p) für die Firma SINAR von Carl Koch (dem Erfinder der Fachkamera SINAR) als technischer Berater nebenberuflich engagiert wurde.
Armin Gessler und seine Frau schätzten mein Engagement und ich erhielt von Anfang an neben dem vertraglichen Lehrlingslohn eine monatliche Prämie für gute Leistungen. Damit kam ich finanziell knapp über die Runden.
Natürlich mussten wir an Samstagen arbeiten. Das waren die umsatzstärksten Tage. Neben Hochzeitsreportagen florierte dann vor allem das Portraitstudio. Es war die Zeit der vielen vor allem portugiesischen Gastarbeiter. Diese kamen an Samstagen in Massen ins Studio, um sich wenigstens Passfotos für die Lieben zuhause machen zu lassen. Gelegentlich wollte einer auch ein postkartengrosses Bild, das jedoch bei der Aufnahme nicht mehr Arbeit machte. Der Ansturm war manchmal derart gross, dass alle 8 bis 10 Minuten ein Portrait gemacht werden musste und sich trotzdem Warteschlangen bildeten. Natürlich war die Beleuchtungsanlage mehr oder weniger fest installiert. Da war ein leicht bewegbarer Leuchtkanal für die Allgemeinbeleuchtung aufgehängt, welcher mit mehreren 500-Watt-Lampen bestückt war. Zudem gab es einen paraboloidförmigen Weichstrahler mit vorne abgedeckter Epidiaskop-Lampe im Krümmungsmittelpunkt. Davor eine Mattfolie. Für das Haarlicht war ein Stufenlinsen-Scheinwerfer vorhanden und für Aufhellungen und Abdunklung mehrere weisse und schwarz gestrichene Styroporwände auf Rollgestellen.
Passfotos wurden mit der Hasselblad und dem 150 mm Sonnar auf 120er Portraitfilm erstellt. Das sind Filme, welche auf der Glanzseite mattiert sind, damit sie mit dem Retuschebleistift bearbeitet werden können. Man darf es glauben, wir erlangten eine weltmeisterverdächtige Geschwindigkeit beim Einspulen der Filme in die Hasselblad-Kassetten!
Manchmal wurde auch bei Passfotos, immer jedoch bei teureren Portraits, die grosse alte hölzerne Studiokamera im Aufnahmeformat 30×40 cm verwendet. Meistens jedoch nicht in vollem Format, sondern mit Reduktionsrahmen für Planfilme 6×9 cm oder 4×5 inch. Auch dies waren mattierte Planfilme von Perutz. Der Vorteil der grossen Kamera mit reduziertem Rahmen lag im Verhältnis Objektivbrennweite und Aufnahmeformat. Die für das gesamte Aufnahmeformat gerechnete Brennweite war für die kleineren Formate entsprechend länger und man konnte somit grössere Aufnahmedistanzen wählen, was der korrekten Abbildungsgrösse der Nasen entgegenkam. Der grosse Hinterlinsen-Zentral-Verschluss wurde mit einem Druckluftball ausgelöst. Dadurch lag die Belichtungszeit in der Nähe einer halben Sekunde, was zu einer wunderbaren, leicht gebrochenen Schärfe führte und den Gesichtern schmeichelte.
Auch Passfotos waren zu damaliger Zeit echte Portraits und nicht zu verwechseln mit den heutigen biometrischen, viel zu harten und unten aus dem Format fallenden Verbrecherbildern des Passamtes. Animiert durch entsprechende Aktionen konnten die Portraitierten nicht nur ein Set in Passfotogrösse 55×65 mm oder Ausweisgrösse 45×55 mm bestellen, sondern gleichzeitig noch Bilder in allen beliebigen Formaten. Alle Aufnahmen wurden einer leichten Negativretusche unterzogen, wofür die mattierte Filmrückseite diente. Dazu wurde das Negativ auf das hinten verspiegelte Retuschierpult gelegt und mit einer grossen Lupe betrachtet. Frau Gessler malte dann in allfällige Fältchen oder Hautunreinheiten mit sehr lang und fein gespitzten Bleistiften unendliche Achterformen bis die auf dem Negativ hellere Falte die Dichte der Umgebung nahezu angenommen hat und dadurch gemildert wurde. Je nach Negativgradation verwendete sie Bleistiftstärken zwischen HB bis 4H. Wurde die hellere Negativstelle vollständig der Umgebung angepasst, war die Falte wegretuschiert. Die dadurch entstehenden Porzellanköpfe waren jedoch bereits nicht mehr zeitgemäss. Eigentlich funktionierte die Bleistiftretusche technisch nur optimal, wenn das Negativ kontaktkopiert wurde, weil infolge der Trägerdicke der Bleistiftstrich dadurch nicht scharf kopiert wird. Weil jedoch die damaligen Vergrösserungsobjektive nicht absolut knochenhart arbeiteten, funktionierte das Verfahren auch bei 120er Filmen, die in jedem Fall über das Vergrösserungsgerät verarbeitet wurden. Im Lehrplan zu meiner Lehrzeit war die Negativretusche nicht mehr enthalten. Ich lernte nur noch das «Ausflecken», das heißt, das tupfende Entfernen von Staubrückständen auf den fertigen Vergrösserungen.
Eine weitere gängige Möglichkeit damals war das Freistellen von Gegenständen, indem mit einer rotbraunen Abdeckfarbe auf der Schichtseite die nicht zum Gegenstand gehörenden Hintergrundteile mit Reissfeder, Lineal und Pinsel unkopierbar abgedeckt wurden. Es war dies eine übliche Methode auf Grossformatfilmen bei sogenannten Industrieaufnahmen (Maschinen und Apparaturen, welche noch im Werkstattbetrieb standen). Wir deckten womöglich störende Werkstatthintergründe mit Papier oder Stoffbahnen ab, der Rest jedoch wurde auf dem Negativ mit der Abdeckfarbe freigestellt.
Alternativ wurden solche Aufnahmen auch auf dem fertigen Print retuschiert, indem professionelle Retuscheure eine Maske schnitten und den Hintergrund mit einer mittels kleiner Spritzpistole (Aerograph) gespritzten Farbe – meistens weiss oder hellgrau – abdeckten. Dies hatte den Vorteil, dass man nicht wegen der Retusche allein ein grosses Negativformat verwenden musste.
Fotokopien
Steht man heute an einem Fotokopierer und lässt rasch einen Stapel Originale xerografisch oder viel später per Tintenstrahldruck farbig kopieren, kann man sich schlecht vorstellen, dass solches Tun erst gegen Ende der 1970er Jahre sehr langsam bekannt und möglich wurde. Zu Zeiten meiner Lehrzeit kamen die Leute mit Ihren Zeugnissen ins Fotogeschäft und bestellten schwarzweisse Fotokopien mit Lieferzeiten von einigen Stunden oder einem Tag.
Im Labor wurde dann das Original mit der Schicht eines papierdünnen Kopierpapiers in Kontakt gebracht und mittels Reflexverfahren im genügend grossen Kopiergerät belichtet (Kopierpapier mit Schicht oben auf die Glasplatte oberhalb der Beleuchtungseinrichtung und darauf mit Schicht nach unten das Original). Das Papier wurde in der Schale in einem ganz normalen Papierentwickler verarbeitet, fixiert, gewässert und getrocknet. Es entstand ein seitenverkehrtes Negativ. Vom trockenen Negativ liessen sich danach beliebig viele positive Kopien auf gleiche Art und Weise erstellen.
Gegen Ende meiner Lehrzeit gab es dann bereits ein neues Kopiersystem mit angeschlossener Durchzugseinrichtung. Das verwendet Kopierpapier war aktiviert, das heisst, es enthielt bereits die Entwicklersubstanzen in der Schicht. Nach der Belichtung gab man das belichtete Papier Schicht gegen Schicht mit einem weiteren, unbelichteten Papier über einen Trennsteg in das Rollen-Transportbad, das lediglich aus einer alkalischen Lösung (Aktivator) bestand. Beide Papiere wurden benetzt und dann sofort durch Walzen zusammengepresst. Das Sandwich war nur feucht, nicht durchnässt und konnte nach rund einer Minute getrennt werden. Und siehe da, es entstand eine nur leicht feuchte Fotokopie, welche rasch getrocknet war, die jedoch auch für längere Haltbarkeit nachträglich zusätzlich fixiert und gewässert werden konnte.
Das Missgeschick
Meine Erzählung zu den Erlebnissen in meiner Fotografenlehre tönen so, als dass ich immer alles bereits konnte und der Star war. Das war jedoch nicht der Fall. Oft musste ich eine Aufnahme wiederholen oder eine Vergrösserung entsprach nicht den strengen Voraussetzungen. Vielleicht hatte ich beim Vergrössern nicht korrekt abgewedelt oder nachbelichtet bzw. bei der Entwicklung zu hell bleibende Stellen nicht mittels Anhauchen oder Reiben mit den Händen zusätzlich aktiviert oder zwischendurch mit einem weicher arbeitenden Papierentwickler behandelt. Alles damals übliche Methoden bei der Positiventwicklung, welche der Auszubildende erst nach einer gewissen Übungszeit intus hatte.
Ein Ereignis zu Beginn meiner Lehre mit einem hohen Materialverlust ist mir indes in Erinnerung geblieben: In Birmensdorf mussten farbige Architekturaufnahmen auf 8×10 inch Ektachrome Farbdiamaterial aufgenommen werden. Gessler fragte mich, ob ich schon mal 8×10 inch Kassetten geladen hätte. Ich bejahte, denn das hatte ich bereits. Allerdings waren dies damals klappbare Holzkassetten einer Grossformat-Reisekamera. Kunststoff-Kassetten für die Sinar hatte ich erst solche im Format 4×5 inch geladen. Aber das ist ja bei den 8×10 inch Kassetten wohl kaum anders. Dachte ich und begab mich in die Dunkelkammer mit 5 Doppelkassetten und einer 10er-Packung Ektachrome-Planfilme. Wir fuhren danach nach Birmensdorf und suchten den passenden Aufnahmestandort. Und warteten, bis das Licht optimal war. Die Kassette war bereits in der Kamera und der Schieber entfernt. Nach der Belichtung gab es beim Hineinschieben des Schiebers ein unartiges Geräusch und der offenbar nicht korrekt eingelegte Planfilm wurde ins Kamerainnere gedrückt. Dasselbe bei der anderen Kassettenseite und bei allen weiteren Kassetten. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Auch weil ein einzelner 8×10 inch Planfilm mit Entwicklung damals fast 50 Franken kostete. Die letzte Seite der letzten Kassette wurde belichtet und danach der Schieber nicht mehr eingesetzt, dafür die gesamte Kamera ins schwarze Tuch eingewickelt und sorgfältig in den Kofferraum gelegt. Wir liessen natürlich nur diese letzte Aufnahme entwickeln. Somit hatte ich nun 9 zerstörte Planfilme, mit denen ich das Laden einer Kunststoffkassette so lange üben durfte, bis ich es schliesslich bei absoluter Dunkelheit perfekt konnte. Die einzige Aufnahme, die gelang, hätte zur Not verwendet werden können. Doch war sie an einer Schmalkante leicht unscharf (weil diese Kante nicht genau auf der Filmebene lag). Einige Tage später wiederholten wir die Aufnahme wobei Gessler nur zusah und kontrollierte. Die Einstellungen und die Aufnahmen durfte/musste ich alleine machen.
Selber gelernt hatte ich dabei, dass die Kassetten zuerst mittels eines antistatischen Pinsels perfekt gesäubert werden mussten und ich die Hände mit Baumwollhandschuhen zu schützen hatte!
Kunstlicht
Zu jener Zeit bestand das künstliche Licht im Studio sowie auch auswärts vorwiegend aus Fotolampen. Als Elektronenblitzgeräte wurden nur die kleinen, batteriebetriebenen Geräte verwendet und diese nur bei Reportagen. Der Blitzbelichtungsmesser war noch nicht erfunden, ebenso nicht die automatische Blitzabschaltung beim Erreichen der korrekten Lichtmenge; wir durften noch mit Blitzleitzahlen rechnen und die Arbeitsblende aus der Blitzdistanz ermitteln. Gessler hatte jedoch noch einen tragbaren Elektronenblitz von Rebikoff mit einer Hochspannungsbatterie, welches allerkürzeste Blitzfolgezeiten ermöglichte.
Grosse Studio-Blitzgeräte gab es zwar bereits, sie waren jedoch eher selten im Einsatz. Hauptsächlich arbeiteten wir mit Nitrolampen. Wie der Name sagt, sind deren Lampenkolben mit Stickstoff gefüllt und die Wendel wurde bei den damaligen 220 Volt mit leichter Überspannung betrieben. Dadurch war die Verteilungstemperatur etwas höher als bei normalen Glühlampen, nämlich 3100 KELVIN. Dies entspricht der Farbsensibilisierung von Farbdiamaterialien für den Kunstlichtbereich. Die Lebensdauer solcher Lampen mit 250, 500 und 1000 Watt Leistung und Edison-Gewinde 27 und 40 betrug rund 100 Stunden, wobei ab Mitte der Lebensdauer die Verteilungstemperatur und die Lichtausbeute erkennbar und sichtbar fiel. Bekannt und eingesetzt wurden Rundkopf-Lampen, innenverspiegelte Kugellampen und Episkoplampen-Formen, letztere vorwiegend für Stufenlinsenscheinwerfer. Für die Rundkopf-Lampen wurden Foba-Leuchten mit paraboloiden Reflektoren verwendet, in denen die Lampen nach vorne oder hinten geschoben werden können und der feste Reflektor somit an die Lampengrösse angepasst wurde. Die Reflektoren lassen sich praktischerweise von der Leuchte entfernen und separat stapeln. Und natürlich gehörten dazu die legendären Foba-Stative, mit einzelnen Rohren (damals aus Stahl, später aus dem leichteren Aluminium) in 80, 40 und 20 cm Länge, welche sich verwindungsfrei ineinander schrauben liessen.
Wegen dem Einsatz von leistungsstarken Fotolampen schleppten die Berufsleute auswärts ein grosses Arsenal an Stecker und Kabeln, sowie Spannungsprüfern, Ersatzsicherungen usw. mit. Viele Fotografen besassen auch einen 380-V-Umwandler (heute 400 V), um die drei Phasen des Dreiphasenwechselstroms in drei Steckdosenpaare mit je 220 V (bzw. heute 230 V) Spannung zu wandeln. Die Kreise waren dann jeweils einzeln mittels Sicherungsautomaten abgesichert. Um mit dem Strom gesichert umgehen zu können, mussten Fotografierende ein gesundes Mass an elektrischem Grundwissen aufweisen. In meinem späteren Unterricht und im damals erneuerten Ausbildungsreglement war denn auch eine ziemlich umfassende Einführung und Konsolidierung bezüglich Elektrotechnik vorgesehen.
Vacublitz PF 60 und PF100
Eine ganz besondere und heute vollständig unbekannte und verlorene Beleuchtungstechnik möchte ich gerne noch erwähnen. In der Stadtkirche Brugg wurde gegen Ende meines ersten Lehrjahres «Die Schöpfung» von Hayden aufgeführt. Gespielt und gesungen wurde dabei von weit über hundert Laien-Sänger der vereinigten Gesangsvereine (Cäcilien-Verein), ergänzt durch einige weltbekannte Solisten sowie einem professionellen Orchester.
Gessler erhielt den Auftrag, diese Aufführung in einem einzigen Bild mit dem Schluss-Amen festzuhalten. Auf dem Bild sollten alle Teilnehmer perfekt scharf und gut erkennbar sein, denn für jedes Mitglied soll zumindest eine Schwarzweiss-Vergrösserung im Minimalformat 18×24 cm erstellt werden. Vorweggenommen: Die meisten bestellten mehr als ein Bild und sehr viele in grösserem Format bis 30×40 cm.
Diverse blaue Blitzlampen (ganz links PF100 mit Edison-27-Gewinde)
Um die Szenerie perfekt auszuleuchten schlug Gessler die Ausleuchtung mittels Vacublitz-Lampen PF 100 vor. Es handelte sich dabei um Lampen von Philips oder Osram in der Grösse etwa einer 100 Watt Glühbirne mit E27 Gewinde (es gab auch die etwas schwächere PF 60) und beide Typen auch mit einem blauen Konversationsfiter-Überzug, welcher die Verteilungstemperatur dieser Blitzlampen von 3800 auf 5500 KELVIN konvertierte und dadurch für Tageslichtfarbfilm nutzbar machte. Gleich wie die kleinen Blitzlämpli oder Blitzwürfel können diese Blitzlampen nur gerade einmal gezündet werden. Sie enthalten in ihrem Glaskolben eine Mischung aus Magnesium- und Zirkonium-Fäden, die wie ein Wollknäuel zusammengeknüllt den Kolben ausfüllen. Mitten durch dieses Gewimmel führt ein Glühdraht, mit einer kleinen Sprengpackung an seiner Spitze. Der Innenraum des Glaskolbens ist mit Sauerstoff gefüllt. Wird nun an den Glühdraht eine kleine Gleichspannung von wenigen Volt angelegt, glüht der Draht auf und bringt die Sprengpackung zur Explosion. Die glühenden Teile verteilen sich im Innenraum und bringen die Metallfäden alle zum gleichzeitigen hellen Leuchten. Der ganze Vorgang, vom Aufflammen bis zum Erlöschen, dauert ungefähr 1/15 Sekunde. Man rechnet allgemein mit einer schichtwirksamen Belichtung in der Mitte der Leuchtkurve von 1/30 Sekunde.
Bereits vor der Hauptprobe installierten wir alle vorhandenen Foba-Reflektoren mit derartigen PF100. Zudem hatten wir eine ganze Menge Metallpapier-Reflektoren zur Verfügung, so dass schliesslich gegen 50 PF 100 in mehr oder weniger geeigneten Reflektoren auf die Szenerie gerichtet waren. Die einzelnen Lampen wurden in Serie miteinander verbunden. Dadurch benötigten wir zum Auslösen des Blitzlichtgewitters lediglich ein Steuergerät mit einer Batterie. Wäre allerdings irgendwo die Serienschaltung unterbrochen, würde der Elektroimpuls nicht mehr weiter gehen. Um dies zu verhindern hat das Steuergerät eine Funktion über einen Kondensator mit sehr geringer Spannung, mit welcher man den Durchlauf der gesamten Serie-Schaltung testen kann, ohne dass eine Auslösung erfolgt. Trotzdem, die Nerven lagen blank!
Während der Probe installierten wir alle drei Sinas von 4×5 inch bis 8×10 inch, alle Hasselblads und alle noch vorhandenen 6×9 cm Kameras. An jeder Kamera waren ein(e) Angestellter oder Auszubildende. Und der Chef bediente das Steuergerät, das natürlich am Probetag nicht ausgelöst wurde. Wir übten einfach das gleichzeitige Auslösen der Kameras auf Zeiteinstellung B, was bedeutet, dass am Aufnahmetag genau auf das N des Schluss-AMENS auf Handzeichen alle Verschlüsse geöffnet würden und dann sofort die Auslösung der Blitzlampen vorgenommen wurde. Sobald es geblitzt hat, wurden die Verschlüsse wieder geschlossen. Der Dirigent hatte die Anweisung, den Ton beim N des Schlussamens solange zu halten, bis es geblitzt hatte.
Zum Bestimmen der notwendigen Abblendung hatten wir Vergleichstabellen. Damit musste man die Hauptlichtquellen vorerst mit Nitrolampen 500 Watt bestücken und dann konnte man mittels Lichtmessung eine Vergleichsmessung vornehmen, welche eine gewisse Vorstellung der notwendigen Abblendung ergab. Genau war dies natürlich nicht. Aus diesem Grund wurden die drei Sinars mit der ermittelten Blende, sowie einer zusätzlich geschlossenen und zusätzlich geöffneten Stufe eingestellt. Bei den übrigen Kameras wurde noch mehr gestreut. Somit war sichergestellt, dass wir bei einer einzigen Auslösung verschiedene Belichtungsstärken erhielten.
Am Aufnahmetag wurden die Anlagen vor Konzertbeginn geprüft und danach haben alle die Aufführung geniessen dürfen. Wir mussten ja erst beim Schluss-AMEN aktiv werden. Die Aufnahmen haben geklappt. Alle Blitzlampen sind losgegangen und wir haben die Planfilme einzeln entwickelt, so dass man bei Bedarf durch Anpassen der Entwicklung allfällige Fehlbelichtungen ausgleichen konnte. Das war eine sehr interessante Arbeit mit äusserst hoher Nervenanspannung! Es scheint sich jedoch auch finanziell gelohnt zu haben.
Die genau gleiche Methode habe ich viele Jahre später in der Bügeleisen-Montagehalle der Firma JURA wiederholt. Dort ging es darum, die gesamte Produktionsstätte mit sämtlichen Mitarbeitern im laufenden Betrieb auf Grossformat-Dia festzuhalten. Bald darauf wurde die Produktion von Vacublitzlampen dieser Grösse sowohl von Philips wie auch von Osram eingestellt und durch leistungsfähige Studio-Blitzanlagen verdrängt.
Studio-Elektronenblitzgeräte
Zu jener Zeit waren in den Fotostudios und auch bei Ausseneinsätzen vorwiegend Fotolampen Typ B im Einsatz, also Nitrolampen, welche mittels Überspannung betrieben wurden und anfänglich eine Verteilungstemperatur von 3100 bis 3200 K aufwiesen (allerdings nur beim Verwenden von 1 Sekunde Belichtungszeit). Bei abweichenden Belichtungszeiten entstanden Empfindlichkeitsabweichungen und Farbstiche, welche eigentlich mit Konversionsfiltern hätten korrigiert werden müssen. Und dies erst noch unterschiedlich bei verschiedenen Emulsionsnummern. Allerdings stellte ich damals wie später fest, dass kaum ein Fotograf davon wirklich etwas wusste, obwohl den Emulsionen Beipackzettel beigefügt waren, welche bezogen auf die betreffenden Emulsionsnummern Korrekturangaben machten.)
Bei Farbaufnahmen war man genötigt, einen Kunstlichtfilm zu verwenden und hatte das Problem, dass bereits nach kurzer Gebrauchszeit der Fotolampen, die Verteilungstemperatur sank. Zudem lag die Lebensdauer bei nur 100 Stunden.
Grosse Studio-Blitzgeräte – bei denen der Wechselstrom durch Spannungsverdoppelung oder Transformator auf rund 500 bis 1000 Volt hochtransformiert wurde und danach zu Gleichstrom gleichgerichtet, mit dem die Kondensatoren geladen wurden – waren damals sehr teuer. In der Schweiz gab (und gibt) es die Hersteller Broncolor und Elinchrom. Elinchrom propagierte anfänglich Metallpapier-Kondensatoren und bewarb diese mit dem Schlagwort «selbstheilendes Dielectricum». Die sonst bei Studio-Elektronenblitzgeräten verwendeten elektrolytischen Kondensatoren hatten die Angewohnheit gelegentlich zu platzen, wobei es einen lauten Knall gab und Flüssigkeit austrat. Bei Metallpapier-Kondensatoren (MP-Kondensatoren) konnte dies ebenfalls passieren. Da solche jedoch keine Flüssigkeit enthielten, platzten sie nicht, es verdampfte lediglich ein kleiner Teil des Metallpapiers (deshalb die Bezeichnung «selbstheilend»).
Ich war damals während meiner Lehre an mehreren Demonstrationen – zumeist in bekannten Fotostudios, wie beispielsweise demjenigen von James Perret in Luzern – dieser beiden Hersteller. Bei einigen Vorführungen von Elinchrom knallte es und die Metallpapier-Kondensatoren versagten mit ihrem selbstheilendem Dielectricum.
Ich erinnere mich, mit dem Luzerner Fotografen Peter Ammon Wetten abgeschlossen zu haben, ob es diesmal knalle oder nicht.
Die Unzuverlässigkeit der Schaltfähigkeit von MP-Kondensatoren war dann wohl der Grund, weshalb auch Elinchrom von der weiteren Entwicklung Abstand nahm und ebenfalls hoch schaltfeste Elektrolyt-Kondensatoren verwendete.
Im Gegensatz zu den früheren Kunstlichtleuchten gab es zu den Leuchtenköpfen der Studioblitzgeräten zunehmend neue sogenannte «Lichtformer». So bezeichnet man die sehr unterschiedlichen Reflektorformen – unter anderen auch grosse Flächenreflektoren aus festem Material oder zusammenlegbare textile Flächen. Dadurch liessen sich zum Beispiel in der Produktefotografie Lichtsituationen und damit Darstellungen realisieren, von denen frühere Fotografen nicht einmal im Traum darauf kamen. Beleuchtungstechnik wurde in der Fotografie zur Kunst.

links: Broncolor Minicom Classic Ausrüstung; rechts: Prinzipschema Studioblitzgerät.
Aktuellen Geräte von Broncolor und Elinchrom finden Sie auf den betreffenden Webseiten:
Broncolor: https://broncolor.swiss/de:
Elinchrom: https://www.profotshop.ch/ki/MARKEN/Elinchrom1.html?
Im Lehrbetrieb hatten wir noch keine Studio-Elektronenblitzanlagen. Vorhanden waren lediglich tragbare Reportage-Blitzgeräte. Bei diesen Geräten mit Akku oder Batterien wurde und wird der Gleichstrom mittels Tranistorzerhacker zuerst in hochfrequenten Wechselstrom gewandelt und dann auf mehrere tausend Volt hochtransformiert, wieder gleichgerichtet und in Kondensoren gespeichert. Wie bei den Studioanlagen liegt diese Hochspannung direkt an den Xenon-Blitzröhren. Die Kondensatoren können sich jedoch nicht entladen, weil das Edelgas Xenon in der Röhre Elektrizität nicht leitet. Erst wenn durch die synchronisierte Auslösung ausserhalb der Röhre ein kurzer sehr hochgespannter Stromstoss von rund 20‘000 Volt durch einen Draht geschickt wird, ionisiert sich das Gas und wird elektrisch leitend. Der Kondensator kann sich durch die Xenon-Gasstrecke entladen, wodurch die Xenonatome einen kollektiven Quantensprung vollführen und das Blitzlicht aufleuchtet. Danach wird der nunmehr entladene Kondensor erneut geladen, bis er bereit für die nächste Blitzabgabe ist.
Apero (mit deutlichem Beleuchtungsfehler) und Beleuchtungssituation
mit Flächenleuchte 1, Striplites 2, Spiegelfolie 3
(Im Vordergrund bei Orange und Zitrone; hätte man mittels Faserlicht aufhellen sollen.)
Gessler hatte noch einen sehr speziellen Handblitz: Nämlich nach System Rebikoff. Dieses Gerät funktionierte ohne Kondensoren und wurde durch eine relativ grosse Hochspannungsbatterie gespiesen. Dadurch waren extrem kurze Blitzfolgen möglich. Das Ding war jedoch sehr gefährlich. Ein Mitlehrling – Reini – machte sich bereit für eine Hochzeitsreportage und schulterte den Rebikoff. Dabei fiel ihm der Lampenstab zu Boden und als er diesen aufhob, entlud sich dauernd die Hochspannungsbatterie über seine Hand und verbrannte diese bis er die Kontakte wegschleudern konnten.
Der nächstliegende Arzt reagierte richtig und nähte die verbrannte Hand in die Bauchhöhle ein. Darin blieb sie einige Zeit und konnte später in einer komplizierten Operation wieder hergestellt werden.
Textile Flächenleuchten und paraboloide Großstrahler PARA.
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