Jost J. Marchesi: «Sieben Jahrzehnte für die Fotografie, TEIL 3»

(Von «Verbesserte Lehrgänge» bis «Einige Fotografen blieben auf der Strecke»).

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Verbessert Lehrgänge

Nach der Übersiedelung ins neue Schulhaus Limmatplatz begann ich die anfänglichen Lehrgänge, welche noch mittels Wachsmatrizen erstellt wurden,
zusammen mit meinem Kollegen Josef Scherrer zu überarbeiten, neu zu schreiben und zu zeichnen. In vielen Fronarbeitsstunden an Samstagen und Sonntagen, druckten wir diese neuen systematisierten Blätter auf einer Kleinoffset-Anlage in der Berufsschule. In der darauffolgenden Schulwoche liessen wir unsere Auszubildenden an langen Tischen die gedruckten Exemplare manuell zusammentragen, was sehr wenig Zeit in Anspruch nahm und so waren die Exemplare sehr kostengünstig abgegeben. Einige Zeit später liessen wir die auf einzelne Fächer und Semester getrennten Exemplare in einer der damals neuen preisgünstigen Kleinoffsetdsruckereien nur wenig teurer extern herstellen.

Das Demonstrationsmaterial für die einzelnen Lektionen sammelte ich in stapelbaren Kunststoffkisten. So stand es im folgenden Jahr erneut zur Verfügung und konnte zugleich auch von den Lehrpersonen für die Fotofachangestellten verwendet werden. Das war sehr praktisch und reduzierte den Vorbereitungsaufwand merklich. Gleichzeitig entstand mit der Zeit für jede einzelne Lektion aller Fächer eine sehr umfangreiche Sammlung von Arbeitsfolien.

Guter Lehrer-Schüler-Kontakt

In der Fotografie hatten wir ein sehr gutes Verhältnis sowohl unter den Lehrpersonen wie auch mit unseren Auszubildenden. Ich hatte das Gefühl, diese kämen sehr gerne zu uns in die Berufsschule. Daher gab es im Fachbereich kaum je irgendwelche Probleme. Typische Lehrerprobleme kamen mal im allgemeinbildenden Unterricht vor oder bei einer Lehrerin für Bildgestaltung. Wenn ich von solchen Vorkommnissen Kenntnis erhielt, wurde ich aktiv und fand mit der Abteilungsleitungrasch eine Lösung. Unsere Auszubildenden konnten sehr gut unterscheiden zwischen Lehrpersonen, welche echte Kenntnisse vermitteln konnten und solchen, deren Wissen und Können für diesen Unterricht schlicht und einfach nicht reichten.

Als mein Pensum zu gross wurde, benötigten wir eine Lehrkraft für den praktisch zu unterrichtenden Lehrgang «Fachfotografie». Das ging leider in die Hose. Diese Lehrkraft erklärte zu Beginn der vier Lektionen jeweils, was zu machen sei und danach wurde er bis zum Schluss nicht mehr gesehen. Leider erfuhr ich erst am Ende des Schuljahres von dieser schulischen Sauerei. Zum Glück konnte der nächste Jahrgang in diesem Fach von Kollege Christian Westermann übernommen werden.

Einmal – viele Jahre später – musste ich bei einer Lehrlingsklasse mit Fotofachangestellten eine Stellvertretung übernehmen. Einige der männlichen Jugendlichen meinten, sie müssten mich provozieren. Ich habe daraufhin den Unterricht mit dieser Klasse abgebrochen, weil ich nicht bereit war, Perlen vor die Säue zu werfen (Evangelium nach Matthäus). Das hatte sich herumgesprochen und von da an folgten (nahezu) alle Auszubildenden interessiert meinen Ausführungen und Demonstrationen. Einmal kam es während meiner Unterrichtszeit vor, dass ich meinen schweren Schlüsselbund in Richtung zweier laut sich unterhaltender Schüler warf. Auch dies hatte sich herumgesprochen.

Während einem Prüfungsvorbereitungs- und Sportlager in Montana kam es zu einem weiteren unerfreulichen Ereignis. Bezüglich des optischen Rechnens habe ich

erwähnt, man könne mit genügenden mathematischen Kenntnissen aus der Descartes’schen Grundformel die weiteren Berechnungsformeln ableiten. Dies sei jedoch nicht notwendig und natürlich auch nicht erwartet, denn an der Prüfung dürfe man das Formelbüchli mit allen abgeleiteten optischen Formeln verwenden.

Einer Schülerin genügte diese Erklärung nicht; sie bestand darauf, dass ich nun subito zu erläutern hätte, wie das geht. Ich versuchte zu erklären, dass ich mich dazu aufwändig vorbereiten müsste und mit der Erläuterung die meisten Schülerinnen und Schüler verunsichern würde. Die junge Frau war damit nicht zufrieden und verliess das Prüfungsvorbereitungs- und Sportlager noch am gleichen Tag. Sie wurde von niemandem vermisst.

Die Kunstgewerbeschule und die Fachklasse für Fotografie

Die Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich wurde 1878 gegründet und zunächst als Kunstgewerbliche Fachschule eröffnet. Sie wurde 1883 in Kunstgewerbeschule und später in Schule für Gestaltung umbenannt. Danach ging es immer mehr aufwärts: aus der Schule für Gestaltung Zürich wurde die Höhere Schule für Gestaltung Zürich und im Jahr 2000 die Kantnale Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ. 2007 fusionierten die Hochschule Musik und Theater Zürich HMT und die Kantonale Hochschule für Gestaltung und Kunst HGKZ zur Zürcher Hochschule der Künste HdK mit fünf Departementen. 1978, im gleichen Jahr als die Lehrlingsabteilung das neue Schulhaus Limmatplatz bezog, feierte die Kunstgewerbeschule ihr 100 jähriges Jubiläum mit einem fulminanten Fest rund um den Bauhausbau.
Gründer, Leiter und Lehrer der ersten Fachklasse für Fotografie an der Kunstgewerbeschule war Hans Finsler (1891 bis 1972). Zur Fotografie kam Finsler autodidaktisch. 1932 konnte er von Alfred Johann Altherr als Lehrer an die Kunstgewerbeschule gewonnen werden, die er bis 1957 leitete. Finsler wird nachgesagt, dass er mit seiner Lehrtätigkeit in Halle und später in Zürichn weitgehend zur Entwicklung der Sachfotografie (Neue Sachlichkeit in der Fotografie) beigetragen habe.
Bekannte Schüler waren u.a. Werner Bischof , René Burri , Emil Schulthess , Serge Stauffer, Michael Wolgensinger. Von 1958 bis 1976 leitete der ehemalige Schüler von Finsler Walter Binder die Fachklasse, von 1957 bis 1983 unterstützt durch Siegfried Zingg als Lehrkraft für Fototechnik. Noch zu Finslers Zeiten wandelte sich die Ideologie dieser Fachklasse in Richtung Reportagefotografie.

Als direkter Nachbar der Fotoklasse im 5. Stock des Bauhausschulhauses bekam ich natürlich einiges von der Fachklasse mit. Allerdings nicht mehr mit Finsler, sondern mit Walter Binder und Siegfried Zingg. Auffällig war die Kennzeichnung aller Geräte mit blauen Klebern, welche der Lehrlingsabteilung gehörten und roten, die auf das Eigentum der Fachklasse hinwiesen. Nachdem es bei uns in der Lehrlingsabteilung zunehmend moderneres Beleuchtungsequipment auch in Form von Studioblitzgeräten gab, mit Lichtformern aller Art, insbesondere auch Flächenleuchten, stellte ich erstaunt fest, dass die Fachklasse noch weitgehend mit Stufenlinsenscheinwerfern wie in einem Filmstudio ausgerüstet war. Ich fragte mich, wie man damit wohl «Licht machen soll» soll mit homogenen Helligkeitsverläufen, wie wir dies inder Berufsfotografie und unserer Art der Sachfotografie seit Ende der sechziger Jahren taten (und nicht eher «Schatten produzieren», wie das mit diesen harten Lichtquellen der Fall war). Aber wenn man wie damals in dieser Fachklasse wochenlang Hühnereier mit härteren Verläufen schwarzweiss fotografierte, genügten diese Filmtechnik-Scheinwerfer wohl. Mich dünkte es, dass vor allem in der Beleuchtungskunst ein Dilettantismus zum Tragen kam, der möglicherweise bereits viel früher in Finslers autodidaktischer Fotografieausbildung begründet war.

Aufgefallen war mir auch, dass es zwischen den beiden Lehrkörpern sowie zwischen den Fotoklässlern und den Lehrlingen kaum zu konstruktiven Kontakten kam, obwohl unsere Praxisräume direkt benachbart waren. Irgendwie war eine gewisse Überheblichkeit zwischen den hochwohlgeborenen Fachklässlern und den offenbar in deren Augen eher unbedarften Lehrlingen nicht zu übersehen. Als dann später aus weiss Gott welchen Gründen als neuer Fachklassenleiter ein deutscher Architekt (!) als Pendler jeweils eingeflogen wurde, hatte sich dann wohl nicht nur ich gewundert. Irgendwann schienen die Absolventen der Fachklasse zu merken, was in der Lehrlingsabteilung unmittelbar daneben und später im Schulhaus Limmatplatz eigentlich passierte. Sie wunderten sich, dass hier hochaktuelle, moderne Lehrgänge entstanden sind und dass die Lehrlinge ganz offensichtlich in der Lage waren, «Licht zu machen» und nicht bloss hell genug zum Fotografieren. Die Fachklässler gingen auf die Barrikaden. Und plötzlich wurden Christian Westermann von meiner Abteilung und ich angefragt, ob wir nicht in der Fachklasse moderne Beleuchtungstechnik unterrichten könnten. Ja, konnten wir und machten wir. Die Absolventen der Fachklasse waren dadurch jedoch erst zum Teil befriedigt. Als sie nun einsehen mussten, dass sie lange Zeit nicht auf der Höhe der Zeit ausgebildet wurden, kam die Frage auf, weshalb sie nicht wenigstens auch einen annähernd so guten Theorieunterricht wie die Lehrlinge erhalten sollten. Ich wurde daher angefragt, ob ich nicht als Theorielehrer an die Fachklasse wechseln wollte. Nein, wollte ich natürlich nicht. Aber ich bot an, die Fachklassenabsolventen könnten doch zusammen mit den Lehrlingen meinen/unseren Unterricht besuchen. Dies wurde dann tatsächlich umgesetzt und so besuchten beide Ausbildungsarten einige Jahre gemeinsam den fototheoretischen Unterricht.

Die Ausbildungssituation der Fachklassenabsolventen verbesserte sich dadurch deutlich, die praktische Ausbildung innerhalb der Fachklasse wurde dadurch jedoch kaum tangiert. Im Gegenteil. Durch die Nähe zu den Lehrlingen wurde einzelnen Absolventen bewusst, wie gross die Unterschiede zwischen der hochmodernen Berufsfotografie und dem «Praxisgetue» der immer noch irgendwie am Bauhaus orientierten Tätigkeiten der Fachklasse tatsächlich waren. Das Gemotze hörte nicht auf. Die Fachklassenleitung hatte das Problem nach einigen Jahren einfach gelöstund mitgeteilt, die Schüler könnten leider aus stundenplan-technischen Gründen nicht mehr an meinem Theorieunterricht teilnehmen…

Wie erwähnt, wurde Jahre später die Fachklasse Fotografie zur Kantonalen Hochschule erhoben und schliesslich in die Hochschule der Künste integriert. Die Lehrpersonen wurden teilweise übernommen und zu «Professoren» erhoben. Allerdings bestand und besteht auch dort leider keine Möglichkeit mehr, das grossartige Fach Fotografie von Grund auf korrekt, umfassend und ausbildend zu studieren. Fotografie dient lediglich als Teilelement bzw. als Fach für vielen Studienrichtungen.

Farbtheorie von Johannes Itten

Einer der frühen Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich war der ebenfalls vom Bauhaus her stammende Johannes Itten. Sehr bekannt wurde er durch seine Farbteorien und insbesondere seine Farbkontraste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Farbtheorie von Johannes Itten und dessen Primärfarben

Zudem integrierte er in seiner Lehre unterschiedlice Farbkontraste: • Farbe-an-sich-Kontrast • Hell-Dunkel-Kontrast • Kalt-Warm-Kontrast • Komplementär-Kontrast • Simultan-Kontrast • Kontrast und Qualität • Quantitäts-Kontrast:

Farbkontraste nach der Farbtheorie von Johannes Itten

 

Natürlich arbeitete man dann in der Folge an der gesamten Kunstgewerbeschule vorwiegend nach seiner Theorie. Allerdings wurde noch viele Jahrzehnte danach nicht beachtet, dass Ittens epochemachende Theorien (epochemachend insbesondere bezüglich Kontraste) mittels Studienfarben (ich glaube von Ciba) entstanden, die es dann irgendwann nicht mehr oder nicht mehr in gleicher Art gab. Für die geniale Kontrasttheorie spielte dies keine Rolle, hingegen schon für die Logik und die Belange der Farbmetrik , welche mit der digitalen Arbeitstechnik essenziell wurden.

Ittens Fehlüberlegung wird bereits klar, wenn man seinen Farbkreis betrachtet: Er mischte darin unzulässig Primärfarben und Sekundärfarben in nicht zusammenpassender Art. Das gilt insbesondere für deren Nicht-Umrechenbarkeit über den CIE-LAB-Raum. Ohne die grundlegende Einteilung in additive (BLAU , GRÜN und ROT) deren additive Mischung zu den subtraktiven Grunfarben (yellow, magenta, cyan und schwarz ) und deren subtraktve Mischung ging bald einmal in der Druckvorstufe und der Drucktechnik nichts mehr (siehe dazu den sechsteiligen Farbstern unten: Immer zwischen zwei additiven Grundfarben liegt eine subtraktive Grundfarbe, welche sich aus der entweder additiven oder subtraktiven Mischung der zwei jeweils benachbarten Farben mischen lassen. Die Bezeichnungen der Farben sind normiert. Spricht man von BLAU, GRÜN oder ROT meint man den entsprechenden Spektaldrittel. Die Sekundärfarben sind klein und englisch geschrieben: yellow , magenta und cyan. Dadurch wurden auf einen Schlag jahrhundertealte Missverständnisse in den Farbtheorien ausgeräumt. Vermutlich war es Itten nicht bewusst, dass man sich beim Mischen von Aufsichtsfarben ausschliesslich im subtraktiven Farbmischraum bewegt. Und so wird es schwierig, wenn man additive Grundfarben subtraktiv mischen möchte…

Trägt man die sechs Grundfarben in einen 12-teligen Farbkreis ein, kann man die dazwischenliegenden Farben nach visuellen Überlegungen einrichten, damit der 12-teilige Farbkreis entsteht. Die nichtnormierten Farben tragen dann bereits

Fantasinamen, welche nicht mehr normiert sind. Genau gleich geht das weiter mit dem 24-teiligen Farbkreis usw.

Itten ist jedoch nicht der einzige historische Farbtheoretiker, dessen Theorie letztlich nicht aufgehen kann, von Goethe über Hickethier bis Munsell waren alle eben in ihrer Zeit behaftet.

All diese grossartigen Farbtheoretiker hätten eigentlich erst nach dem Schritt zum sechsteiligen Farbstern mit dem Denken beginnen sollen. Das wäre einigen auch möglich gewesen, denn Herrmann von Helmholz (1821 bis 1894) hatte seine Überlegungen zur Trichromtät der Farben bereits in der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts postuliert.

Vor der Digitalisierung der Fotografie und der Druckvorstufe, spielte es eine relativ geringe Rolle, welche Farbtheorie an einer Kunstschule verwendet wurde, solange das verwende Malmittel die physikalische Basis erfüllte. Das war und ist dann nicht mehr der Fall, wenn es eine darauf beruhende Farbe plötzlich nicht mehr gibt, wie das im letzten Jahrhundert bei vielen Studienfarben passierte. Noch schwieriger wird es dann, wenn die Technik sich ändert, in welcher eine vorher beliebte oder machbare Theorie an ihre Grenzen stösst.

Ich bin weitgehend überzeugt, dass der Umstieg in die digitale Fotografie schneller erfolgt, wäre man nicht im Vordenken verhaftet geblieben und wären frühere wissenschaftliche Forschungen überhaupt zur Kenntnis genommen worden – doch das ist ja auch in unserer Zeit kaum besser geworden.

Sechsteiliger Farbstern und 12-teiliger Farbkreis mit additiven und subtraktiven Farben sowie Zwischenfarben

CIElab Farbreis und Farbwertunterschiede

 

Hinweis Repetitorium Farbe 1:
https://www.fotointern.ch/archiv/2021/01/01/repetitorium-1-farbe-was-ist-das-eigentlich-farbe/


Die Zeitschrift PHOTOGRAPHIE

Wir schrieben das Jahr 1976 als mich ein junger, agiler Mann bei Schulschluss in meinem Schulzimmer im alten Bauhausbau besuchte. Er hiess Ernst Meier, genannt Lonny. Mitgebracht hatte er eine leere Zeitschrift mit einem blickfangenden Titelbild. Darauf dargestellt war das bekannte Fudibild von Jost Wildbolz mit dem darauf stehenden schwarzen Pump und der Headline PHOTOGRAPHIE. Dies sei die Nullnummer einer neuen Fotozeitschrift, welche er in der Schweiz 1977 herausbringen wolle. Ich schluckte einige Male leer. Glaubte dieser Fantast tatsächlich an einen wirtschaftlichen Erfolg einer Fotozeitschrift in der Schweiz?


Cover der 1. Ausgabe Zeitschrift PHOTOGRAPHIE Nr. 1

Das Treffen blieb vorerst folgenlos, löste bei uns zuhause doch einiges Gelächter oder eher Kopfschütteln aus. In welchen Welten doch tatsächlich einige Leute leben!

Kurze Zeit später kam Lonny Meier erneut bei mir vorbei. Die Nullnummer hatte sich bereits ziemlich gefüllt und er wollte mich zur regelmässigen Mitarbeit verpflichten. Da ich für die Schule gerade einen umfassenden Lehrgang über Farbfotografie geschrieben hatte, sagte ich zu und ich könne ihm für die zehn Jahresnummern des ersten Jahrgangs diesen Lehrgang in jeweils zweiseitigen Folgen liefern. Und somit erschien bereits in der ersten Nummer eine Folge meines «Fortsetzungslehrgangs». Umbrochen wurde die Zeitschrift teilweise noch auf dem Küchentisch des Bauernhauses in Hemmental bei Schaffhausen, wo Lonny mit seiner Familie wohnte. Gedruckt und finanziert wurde das Projekt von Meier und Cie, dem Herausgeber der Schaffhauser Nachrichten unter Max U. Rapold.

Ich zeigte die erste Nummer der Zeitschrift dem mit mir befreundeten Grafiker Peter Wassermann. Wasserman fand die Gestaltung noch etwas dürftig, meinte jedoch, ich sollte gelegentlich diesem Meier von ihm erzählen. Er würde ganz gerne bei der Gestaltung einer solchen Zeitschrift mitwirken. Das war die Bombe. Bereits ab der zweiten Nummer zeichnete Wassermann für die Gestaltung und den Umbruch verantwortlich. Und weil mein «Fortsetzungsroman Farbfotografie» bereits über den Klee gerühmt wurde, begann schon von der zweiten Nummer an ein zusätzlicher Grundlagen-Fortsetzungslehrgang; in jeder Nummer lieferte ich also vier Seiten. Es war die Geburt des legendären PHOTOKOLLEGIUMS, das mit 100 Folgen in der Zeitschrift während zehn Jahren erschien und danach in überarbeiteter Form in Buchform auf den Markt kam. Die letzte vollständig neu überarbeitete Auflage stammt aus dem Jahr 2011 und beinhaltet 6 Bände mit je rund 100 Seiten.

Wir schrieben mit einer Schreibmaschine

Geschrieben hatte ich damals die Manuskripte zeilengenau mit der IBM Kugelkopfschreibmaschine auf weisses Papier mit einem selbsteinfärbenden Durchschlag. Jede Folge enthielt etwas Reservesatz, sodass es möglich war, den Text zeilengenau zu setzen.

Für die zeichnerischen Abbildungen zeigte Peter Wassermann mir und Christiane, wie man mit der Tuschefeder auf Ugra Reinzeichnungskarton den Schwarzauszug erstellte und wie man mittels roter Ulano-Folien, die jeweiligen Schmuckfarben ergänzte. Es entstanden so in bewährter grafischer Tradition tausende von Illustrationen, ohne die es schwer gewesen wäre, die zum Teil sehr komplexen Erläuterungen zu erklären. Grafikprogramme wie Freehand oder Illustrator gab es damals natürlich noch nicht. Solche kamen dann erst bei den viel später folgenden Buch- und Zeitschriftenprojekten zum Einsatz.

Für diese aufwändigen Veröffentlichungen Monat für Monat arbeiteten Christiane und ich sehr intensiv zusammen. Sie realisierte jeweils alle Abbildungen,

Illustrationen, auch die fotografischen, wofür das Studio im Leutschenbach stärker ausgelastet wurde. Christiane recherchierte und organisierte ebenfalls die für die Veröffentlichungen notwendigen Informationen. Unsere Arbeit für PHOTOGRAPHIE beschränkte sich bald nicht nur auf die Fortsetzungsfolgen. Nahezu in jeder Nummer fand man weitere Artikel von uns gemeinsam oder einzeln von Christiane beziehungsweise von mir. Das ging so weit, dass Christiane gelegentlich auch unter ihrem Pseudonym Beatrice Kleiber veröffentlichte.

Reinzeichnung auf Ugra-Reinzeichnungskarton, Farben der Grauflächen mit Ulano Folien (Photokollegium,Lektion 62),

Manuskrip.der ersten Lektion PHOTOKOLLEGIUM inPHOTOGRAPHIE Nr.2/1977

Üblicherweise trafen wir uns einmal monatlich mit Peter Wassermann (der in der Zwischenzeit die Funktion des Artdirectors übernommen hatte) und seiner Frau oder/und mit Lonny Meier bei uns zum Znachtessen, wobei bis tief in die Nacht mögliche Themen besprochen wurden. Auch das war eine unglaublich intensive und gesellige Zeit.

1981 verunglückte Lonny Meier leider als Rennfahrer beim Oberhallauer Auto-Bergrennen tödlich. Mit seiner Zeitschrift PHOTOGRAPHIE hat er Schaffhauser und Schweizer Fotogeschichte geschrieben. Trotz des tragischen Tods des Gründers blieb die Zeitschrift bestehen. Neben der Schweizer Auflage, die bis 1991 von Urs Tillmanns als Chefredaktor betreut wurde, entstand auch ein deutscher Ableger mit nahezu gleichem redaktionellem, jedoch teils anderem Anzeigenteil. Später wurde der Zeitschriftenverlag und der Buchverlag – welche beide PHOTOGRAPHIE hiessen – an zwei verschiedene Inhaber nach Deutschland verkauft. Der Zeitschriftenverlag kann sich bis heute halten, während der Buchverlag weitgehend heruntergewirtschaftet wurde und insbesondere durch seine verzögerten Tantiemen-Zahlungen den Unmut der Autoren auf sich zog.

Die Zeitschriftenartikel fanden im ganzen deutschsprachigen Raum viel Beachtung. Die erste Artikelreihe über Farbfotografie machte zudem rasch meinen seit einiger Zeit erteilten neuen Semesterkurs für den Lehrlingsunterricht und für ausgelernte Fotografinnen und Fotografen an meiner Schule in Zürich bekannt. Diesen Semesterkurs habe ich mehrere Jahre durchgeführt, bis schliesslich fast alle Berufsfotografen das moderne Wissen erhalten hatten. Die Grundlagen wurden nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vermittelt. Solange es das Material gab, machten wir zum Beispiel im Kurs und im regulären Farbfotografieunterricht auch Dye Transfers, Diaduplikate, Prints von Farbnegativen und Direkt-PositivPrints mit Umkehrentwicklung sowie auf das neu auf dem Markt erschienene, chromolytisch arbeitende Cilchrome, welches später dann Cibachrome und danach Ilfochrome hiess. Zum Konsolidieren der farbtheoretischen Grundlagen entstanden auch Arbeiten mittels der Dreifarbenfotografie.

Seminarien auf Santorini und in der Algarve

Noch zu Lebzeiten von Lonny Meier haben Christiane und ich zwei von der Zeitschrift PHOTOGRAPHIE ausgeschriebene 2-Wochen-Herbstferien-Seminarien durchgeführt, das erste in Santorini und das zweite in der Algarve. Das Prinzip war bei beiden Seminarien dasselbe. Christiane und ich erteilten jeweils am Vormittag Unterricht und die Teilnehmenden fotografierten und übten. Im Laufe des Nachmittags und Abends brachten sie ihre belichteten Farb-Diafilme zu uns und wir entwickelten das Filmmaterial in einer JOBO-Maschine. So standen die Dias jeweils für die Bildbesprechung am späteren Abend oder am nächsten Vormittag schnell zur Verfügung.
In Santorini projizierten wir die Dias in der Nacht auf die weisse Kirchenmauer des Dorfes. Das hat sich im Städtchen rasch herumgesprochen und die Einwohner rückten mit Stühlen an, um sich die Bilder auf der Kirchenmauer anzusehen. Oft waren sie ja selber darauf abgebildet. Das waren wertvolle und freudige Abende für uns und die Einheimischen.

Einer der damaligen Kursteilnehmer in Santorini war Peter Gasser, der auch mit seinen Kleinbilddias auffiel, obwohl er damals bereits oft mit der Grossformatkamera arbeitete.

petergasser.info: Schon während der Schulzeit hegte Peter Gasser den Wunsch Fotograf zu werden, lernte jedoch zuerst einen anderen Beruf. Zwanzigjährig entschloss sich Gasser die Welt zu bereisen, besuchte über 40 Länder in Asien, Afrika und Amerika. Immer mehr beschäftigte ihn dabei die Fotografie. Seit 1977 fotografierte er immer öfters und dann bald ausschliesslich mit einer

Grossformatkamera 20 x 25 cm. In seiner rund zwanzigjährigen fotografischen Schaffenszeit entstanden grossartige Werke in Schwarz-Weiss die heute in den renommiertesten Galerien und Museen vertreten sind, wie etwa: Centre Georges

Pompidou in Paris, Victoria & Albert Museum in London, Center for Creative Photography in Arizona, und vielen mehr.

 

Fehlende Kompatibilität zwischen Fotografen und Zollbeamten

Vor allem zu den Zeiten der analogen Fotografie verstanden sich die beiden Berufsgruppen Fotografen und Zollbeamten überhaupt nicht.

Zur Vorbereitung des Seminars in Santorini erkundigten wir uns darum, was genau zu tun sei, wenn man gedenke mit grosser Ausrüstung und vielen Paketen unbelichteter und unentwickelter Diafilme sowie mit Verarbeitungschemikalien in Griechenland einzureisen. Klar war, dass für Geräte ein Carnet der Handelskammer notwendig war, welches jeden Teil der Ausrüstung auflistet und wofür ein Depot zu bezahlen war, falls man etwas nicht mehr zurückführte. Die Fluggesellschaft, welche uns nach Santorini transportierte, meinte, dies sei in diesem Fall allerdings nicht notwendig, die Gesellschaft würde für uns bürgen. Eine detaillierte Liste in mehrfacher Ausführung würde absolut genügen. Die Entwicklungsmaschine von JOBO sollte uns direkt von Athen nach Santorini geschickt werden.

Wir erstellten also eine ausführliche Geräte- und Materialliste und liessen diese am Zollamt Zürich bei der Ausreise abstempeln. Soweit so gut. Bis wir in Athen mit einem grossen Wagen voller Koffer beim Zollamt ankamen und unsere Listen vorwiesen. Der griechische Zollbeamte machte sich wichtig und erklärte, dass dies so nicht gehen würde. Zur Erklärung brachte er uns das Carnet des ZDF, die gerade vor uns mit grosser Ausrüstung eingereist waren. So etwas müssten wir haben! Da half keine Erklärung, dass die Fluggesellschaft aus Gründen der

Fremdenverkehrswerbung etwas anderes gesagt hatte. Es wurde kompliziert. Ich blieb auf dem Zollamt mit dem Gepäck zurück, während Christiane mit den Kursteilnehmern schon mal ins Hotel fuhr. Was tun auf dem Flughafenzollamt zu einer Zeit, als man noch nicht wusste was ein Handy war? Irgendwie fand ich ein Telefon und das notwendige Kleingeld und klagte mein Leid an Lonny Meier in der Schweiz. Er versprach, aktiv zu werden. Die Stunden vergingen, ich leidete an Durst und Hunger, die letzte Zigarette war bereits geraucht. Gelegentlich sah ich den blöden Zöllner; mich dünkte, er sehe von Minute zu Minute noch blöder aus. Es wurde Nacht. Der Betrieb begann einzuschlafen. Vermutlich, weil der Zöllner Feierabend machen wollte, erschien er plötzlich noch blöder grinsend und half mir, den Wagen in den Empfang zu schieben. Irgendwie schaffte ich es mit Hilfe eines Transporttaxis das Hotel zu erreichen. Am nächsten Tag ging es zum InlandFlughafen, von welchem aus der Flug nach Santorini startete. Wir alle standen mit dem Gepäck vor dem Flugzeug und durften vor dem Einsteigen mitverfolgen, wie ein Pilot in speckigem Arbeitsoverall den Pneudruck prüfte: Nicht mit einem Prüfgerät, nein, das ging dort mittels eines Fusstritts…

Wir kamen jedoch unbeschadet in Santorini an und konnten unsere Unterkünfte beziehen. Leider war die versprochene JOBO-Entwicklungsmaschine nicht da. Ich musste also wieder in die Schweiz telefonieren. Mit dem gemieteten Motorroller fuhren wir täglich auf den Flugplatz, in der Hoffnung, die Entwicklungsmaschine würde bald dort ankommen. Schliesslich hat es mit einiger Verspätung doch noch geklappt und das Seminar konnte so durchgeführt werden wie geplant.

Nach zwei Wochen reisten wir zurück. Zuerst wieder nach Athen und am nächsten Tag nach Zürich. Wir mussten erneut zuerst beim Zollamt vorbei und unsere Rückfracht präsentieren. Ich glaubte es nicht, aber dort stand wieder der gleiche blöde Zollbeamte wie bei der Einreise und meinte immer noch, er müsse uns schikanieren. Wir wurden und wurden nicht abgefertigt. Christiane und die

Kursteilnehmer sassen längst im Flugzeug. Der bösartige Beamte bequemte sich erst zu mir und meinen Geräten, als ich bereits über Lautsprecher ausgerufen wurde. Er zeigte auf der Liste auf ein Wort, es war ein elektronischer Auslöser. Den wollte er sehen. Natürlich hatte er keine Ahnung, was das war. Er wusste daher auch nicht, dass ich ihm tatsächlich korrekt das zeigte, was er als Stichprobe sehen wollte. Und schon kam ein elektrisches Zugfahrzeug der Fluggesellschaft. Der Fahrer schiss zuerst einmal das immer kleiner werdende Zollbeämtchen zusammen, spannte meinen Materialwagen hinter sein Zugfahrzeug und fuhr zusammen mit mir auf das Flugfeld zum startbereiten Flugzeug. Eingeladen, eingestiegen und es ging los. Die Kursteilnehmer applaudierten. So richtig in der Luft servierte uns der Chef de Service zur Entschuldigung eine Flasche edlen Champagners mit bester Empfehlung des Kapitäns.

Diese nervenaufreibende Story blieb nicht die einzige mit Zollbeamten. Beim nächsten Seminar in der Algarve beharrte ich auf eine Begleitung durch die Fluggesellschaft. Diesmal korrekt mit einem Carnet der Handelskammer. Das hat dann in der Tat perfekt und problemlos funktioniert.

Mit dem Schweizer Zoll gab es jedoch sehr oft Probleme – mehr als nicht. War man da als Fotograf im Ausland und kehrte mit belichteten Filmen zurück, konnte es durchaus vorkommen, dass man für die belichteten Filme noch einmal Zoll zu bezahlen hatte. Und dies, obwohl die unbelichteten Filme aus der Schweiz mitgenommen wurden und sowohl Zollgebühren wie die Mehrwertsteuer (welche damals noch direkte Bundessteuer hiess) dafür bezahlt waren. Die banale Begründung für dieses wunderliche Gebaren wurde damit erklärt, die Filme seien durch die Belichtung im Ausland «veredelt» worden. Ich habe dies nie verstanden, weil ich wusste, dass viele Zollbeamte Fotografie als Hobby betrieben.

Wenn ich für eine Buchproduktion, wie dies bei der Canon-Fotoschule der Fall war, von ausländischen Fotografen Dias und Bilder zur Auswahl anforderte, musste ich dafür irgendwelche wunderlichen Zölle bezahlen, noch bevor die Bilder überhaupt ausgewählt und hier verwendet wurden. Natürlich forderte ich die bezahlten Zölle bei der Rücksendung von nicht verwendetem Material zurück, ohne jedoch auch nur einmal eine Rückerstattung erhalten zu haben. Nachfragen bei den Zollstationen und beim entsprechenden Bundesamt förderten ein unvorstellbares BeamtenNichtwissen (bereits damals!) dieser Stellen über ihr Metier zu Tage.

Eine ganz besondere Story ereignete sich, als Christiane und ich einmal mit dem VW-Bus von Südfrankreich kommend in Menton über die Grenze nach Italien kamen. Der italienische Zöllner hielt uns auf und kontrollierte unseren Abfallkessel im Bus (igittigitt) sowie alle Kamerakoffer. In den Kamerakoffern befanden sich einige von Christiane genähte Stoffsäckchen, welche Blau-Silika-Gel enthielten. Das sind bläuliche Kristalle, die eine starke hygroskopische Wirkung entfalten. Das heisst, sie saugen Feuchtigkeit auf und halten Geräte und Objektive möglichst trocken. BlauSilika-Gel-Kristalle lassen sich praktischerweise auch wieder im Backofen entfeuchten.

Der Zöllner stürzte sich mit weiten Augen auf diese Säckchen in der Überzeugung, er hätte nun grosse Drogenschmuggler gestellt. Mir wurde bewusst, dass es Freitag um 18 Uhr war und wir nun möglicherweise bis Montag aufgehalten würden, weil jetzt wohl kaum ein Labor gefunden würde, welche die Harmlosigkeit der Substanz bestätigen konnte. Ich erklärte dem Zöllner die Funktion dieser Substanz. Er schien im Büro meine Aussage verifizieren zu wollen, doch glauben tat er mir nicht. In meiner Not zückte ich den Europhoto-Pass. Es handelte sich dabei um einen in den Europafarben eingefassten Passeport, in welchem bestätigt wurde, dass der Inhaber Berufsfotograf und zu seiner Berufsausübung unterwegs sei mit grosser Fotoausrüstung. Und man bitte die Behörden, den Europhoto-Fotografen möglichst keine Steine in den Weg zu legen und ihre proeuropäische Tätigkeit zu unterstützen(!). Die Wirkung war unvorstellbar: Der Zöllner meinte offenbarm es handle sich dabei um einen besonderen Diplomatenpass. Er knallte seine Fersen zusammen und stammelte: «Scusa eccelente», liess uns ins Auto einsteigen und winkte uns weiter. Am jenseitigen Ufer des Hades werde ich für den unglücklichen Zöllner ein gutes Wort einlegen!

Bis zur Kreation des Schengenraums ging es so oder ähnlich weiter. Insbesondere die Schweizer Zöllner machten ihrer Tätigkeit lange Zeit alle Ehre und waren davon überzeugt, mindestens gottähnlich zu sein. Wenn man sie darauf aufmerksam machte, was das denn soll, sie würden nämlich mit ihrer Tätigkeit in aller Regel ihren Lohn bei weitem nicht herausschlagen, wurden die meisten ausfällig…

Christiane fuhr einen Porsche 911. Irgendwann hatten die Schweizer Zöllner einen Kurs absolviert, in welchem sie erfuhren, dass es im Fussraum unter dem Bodenteppich des Mitfahrersitzes des 911ers zu Stabilitätszwecken eine muldenförmige Vertiefung hatte, die mit einer Sperrholzplatte abgedeckt war. Von da an wurde jeder 911 am Zoll angehalten und man musste die Sperrholzplatte wegschrauben. Das war so klar wie das Amen in der Kirche. Deshalb hatte ich anstelle der vier Schlitzschrauben solche mit Flügelmuttern montiert. Diese liessen sich rascher und ohne Werkzeug entfernen. Und natürlich haben wir in diesem Fussraum nie irgendwas geschmuggelt.

 

Buchproduktionen

Rechnen für Fotografen

In meinem zweiten Schuljahr als Fotolehrer erteilte mir der Schweizerische Photographenverband den Auftrag, das Büchlein «Rechnen für Photographen» aus dem Jahr 1964 neu zu bearbeiten. Aus einer einfachen Überarbeitung mit Anpassung der Zahlen für Preise und Löhne in unserer rasch voranschreitenden Zeit ist ein erweitertes, eigenständiges Werk geworden, welches das Gütezeichen der eidg. Fachkommission für Unterrichtshilfen erhalten hatte. Das Büchlein war dreigeteilt. Der erste Teil war der Leitfaden, der zweite die Aufgabensammlung und der lose beigefügte dritte Teil die Formelsammlung.

Die ursprüngliche Formelsammlung wurde später erneuert und erweitert. Das Layout dazu, wie später zu Neuauflagen von Buchpublikationen ab ungefähr 1998 wurden durch Ilka Alexandra Marchesi erneuert. Ilka hat ebenfalls Fotografin (in derselben Klasse wie der nachstehend erwähnte Beat Pfändler) gelernt, woher ich sie kenne. Später hat sie die Höhere Fachschule als Technopolygrafin an der Berufsschule Zürich absolviert, wo ich zu jener Zeit den Informatikunterricht erteilte. Im Anschluss daran wurde Ilka meine Ehefrau. Spannend ist, dass iIka den Beruf der Fotografin im Fotostudio bei ihrem Vater in Fehraltorf, Herbert Michel, gelernt hatte.

Der Produktionsvorgang funktionierte so: Ilka baute einen sehr modernen und ansprechenden gestalterischen und typografischen Master für eine Publikation auf (erstmals bei der kompletten Überarbeitung des sechsbändigen PHOTOKOLLEGIUMs) und ich schrieb als Autor direkt in diesen Umbruch und platzierte die Abbildungen. Dadurch fiel das Manuskript mit nachfolgendem, abschreibendem bzw. einfüllendem Setzen weg. Nach der Autorenarbeit war der Umbruch für das Lektorat und zur Korrektur bereit, eine Arbeit, welche ebenfalls von Ilka übernommen wurde.

So arbeiteten wir sehr rationell zusammen und zwar ab dem zweiten Band des Handbuches der Fotografie, über die Neuauflage des sechsbändigen

PHOTOLOLLEGIUMs bis zu den monatlichen grossen Artikelserien für die Zeitschrift PHOTOGRAPHIE.

 

Rechnen für PHOTOGRAPHEN und Formelnsammlung

Die vielen Veröffentlichungen in der Zeitschrift PHOTOGRAPHIE ab 1977 lösten viele weitere Anfragen und Buchaufträge aus.

ILFORD Negativ- und Positivtechnik

Bald meldete sich ein gewisser Jean Spinatsch aus Genf, der zwei Handbücher über die Negativ- und Positivtechnik mit Ilford-Produkten verlegen wollte. Der Handel gelang und so kamen die beiden Bücher zuerst auf deutsch und später in französischer Übersetzung auf den Markt. Die Autorenarbeit dazu erfolgte noch nach dem ursprünglichen Manuskriptverfahren. Das heisst, ich schrieb den Text und

Christiane erstellte die ersten noch einfachen Abbildungen und erläuternden Fotografien. Gesetzt, umbrochen und produziert wurden die beiden kleinen (ca. A5) Handbücher vom Verlag Spinatsch. Das war 1978 (Positivtechnik) und 1980 (Negativtechnik). Von beiden Handbüchern gab es mehrere Auflagen, zum Beispiel erschien die Ilford Positivtechnik seltsamerweise in einem um wenige Zentimeter grösseren Format in 4. Auflage 1981.

Verschiedene Auflagen von Ilford Negativ- und Positivtechnik

Weil es danach immer noch Bedarf gab, hat der Verlag PHOTOGRAPHIE 1989 (professionellere) Neuauflagen im grösseren Zeitschriftenformat und mit neuer Gestaltung auf den Markt gebracht. Produziert wurden beide neuen Bände von Peter Renn und gesetzt vom Fotosatzservice in St. Gallen. Gedruckt von Meier und Cie und gebunden von Buchbinderei R. Haltiner, Schaffhausen. Die Abbildungen wurden teilweise übernommen, jedoch mit verbesserter Technik erneuert und erweitert.

Grossformat und Foto Know-how

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grossformat anhand des Sinar Systems und Foto Know how

Beide Bücher sind neben Deutsch auch in Englisch und fast allen weiteren
europäischen Sprachen sowie auf Japanisch und Chinesisch erschienen.

In Zusammenarbeit mit Carl Koch von Sinar entstanden zwischen 1980 und 1983 zwei wichtige Bücher für die professionelle Fotografie. Das eine, das Grossformathandbuch war eine Anleitung für das Sinar Kamerasystem (Carl Koch und Jost J. und Christiane Marchesi) und das andere die komplett überarbeitete Neuauflage eines didaktisch ausgeklügelten Selbstlehrgangs zum Erlernen der Grossformatfotografie anhand des Sinar-Systems von Carl Koch und Jost J. Marchesi. Beide Bücher wurden in unzählige Sprachen übersetzt, nicht nur in europäische, sie erschienen auch auf Japanisch und Chinesisch.

Foto Know-how, das Lehrbuch der Grossformatfotografie, wurde anlässlich der Stuttgarter Buchwochen 1982 auf Grund seiner fotografischen Qualität zur Fotobuch Sonderschau ausgewählt.

Professionelle Beleuchtungstechnik

Im Auftrag von Broncolor, dem führenden Studio-Elekronenblitzhersteller, entstand das Buch Professionelle Beleuchtungstechnik.

Professionelle Beleuchtungstechnik

Auch dieses Lehrbuch wurde in viele Sprachen übersetzt und half mit, meinen Namen mit dem Prädikat «der bekannteste Fotolehrer» rund um den Erdball zu verbreiten. 1987 wurde das Buch durch den Kodak Fotobuchpreis ausgezeichnet: «Mit diesem Preis wird die beispielhafte fotografische Qualität des ausgezeichneten Werkes gewürdigt».

Canon Fotoschule

Vor dem Markteintritt des EOS-Systems erschien weiter aus meiner Feder ein Grundlagen- und Anleitungsbuch zum Arbeiten mit Canon-Systemkameras, welche bis 1983 erschienen sind. Grafische Darstellungen wurden vorwiegend durch Christiane erstellt oder stammen von Canon. Fotografien sind von Canon, teilweise von mir oder wurden von Canon-Fotografen aus der ganzen Welt zur Verfügung gestellt.

Canon Fotoschule

Da Canon ein sehr wichtiger internationaler Anbieter ist, wurde auch dieses Werk in viele Sprachen übersetzt und verbreitet.

Gesetzt und gedruckt wurde es von Meier + Cie AG, Schaffhausen, gebunden bei Buchbinderei Burkhardt, Mönchaltorf und die Fotolithos erstellten Cliché + Litho Löpfe AG, in Au und Cliché Weber, Schaffhausen. Die Produktion war noch so aufwendig und konventionell, wie dies zur damaligen Zeit normal war. Im nächsten Abschnitt werde ich noch auf das komplizierte Verfahren eingehen, bis von einem Farbdia ein druckfähiger Vierfarbensatz entstanden ist.  Für die Gestaltung der Canon Fotoschule konnte mein Lehrerkollege Jürg Fritzsche gewonnen werden. Er hat damit ein typografisches Meisterwerk kreiert: es wurde nämlich durchgehend im Flattersatz gesetzt und Jürg Fritzsche schaute den Setzern beim Zeilenfall sehr kritisch auf die Finger. In der Typografie gilt ein schöner, gestalteter und rhythmischer Flattersatz als hohe Kunst. Manchmal musste ich kleinere Textanpassungen vornehmen, damit das Schriftbild hohen Ansprüchen genügen konnte. Im Jahr des Erscheinens 1983 wurde das Werk dann auch mehrfach ausgezeichnet, so etwa vom Schweizerischen Departement des Innern als «Eines der schönstes Schweizerbücher».

Ebenso gefreut hat uns – den Gestalter Jürg Fritzsche und mich als Autor – das handschriftliche Dankesschreiben unseres früheren Abteilungsleiters an der Kunstgewerbeschule Max Caflisch sowie dasjenige des Urgesteins der Reprofotografie in der Schweiz, Hans Wahli.

Handbuch der Fotografie

Das dreibändige Handbuch der Fotografie ist mit über 1000 Seiten das mit Abstand umfassendste Lehrbuch und Nachschlagewerk über sämtliche theoretischen und theoretisch-praktischen Grundlagen der Fotografie. Es enthält das wichtigste Grundwissen, das zur Ausübung der Fotografie als Beruf oder Berufung notwendig ist. Die Handbuchreihe ist Vorlesung und Praxisseminar zugleich, Nachschlagewerk und Lehrbuch. Schmuckschuber aus stabiler Pappe mit matt cellophaniertem Überzug, Bilder drucklackiert.

Band 2 wurde 1996 und Band 3 1998 mit dem Kodak Fotobuch Preis der beiden Jahre ausgezeichnet. Mit diesem Preis wird die beispielhafte fotografische Qualität der ausgezeichneten Werke gewürdigt.

Ab Band 2 hat Ilka Aexandra Marchesi das Lektorat und Korrektorat übernommen.

Handbuch der Fotografie Band 1 bis 3

 

PHOTOKOLLEGIUM

Sechsbändiges Grundlagenwerk. 2011 vollständig neu überarbeitet, erweitert und aktualisiert. Die Buchausgabe des ursprünglichen PHOTOKOLLEGIUMs entstand aus den 100 Folgen der gleichnamigen Fortsetzungsreihe in den ersten 100 Nummern der Zeitschrift PHOTOGRAPHIE und wurde vollständig überarbeitet und stark erweitert. Für die Layoutgestaltung und das Lektorat zu diesem erneuerten Gesamtlehrgang auf rund 700 Seiten zeichnet Ilka Alexandra Marchesi verantwortlich.

PHOTOKOLLEGIUM Band 1 bis 6

Die seit der Veröffentlichung des PHOTOKOLLEGIUMs bewährte Methode mit dem Layout sowie Lektorat und Korrektorat durch Ilka haben wir bei diesen Publikationen beibehalten. Die Zusammenarbeit mit dem deutschen Zeitschriftenverlag dauerte bis 2016. Danach wurde ich für den Verlag zu teuer und man hat die Zusammenarbeit mit mir nach rund 40 Jahren sang- und klanglos beendet.

Litho-Herstellung und Vierfarbendruck

In der Vorcomputer-Zeit war die Produktion eines Vierfarbenauszugs für den Vierfarbendruck eine ziemlich aufwendige Angelegenheit. Von einem Farbdia oder einem Farbbild mussten zuerst vier Farbauszüge über die Reprokamera in der endgültigen Grösse des Druckbildes erstellt werden. Dies geschah durch viermalige Reproduktion auf ein panchromatisches Halbton-Filmmaterial durch die Auszugsfilter BLAU, GRÜN und ROT sowie einmal ohne Auszugsfilter. Die dabei auf dem Negativ nicht belichteten (durchsichtigen) Stellen bzw. auf dem Positiv dunklen Stellen

enthielten daher:

Farbauszugsfilterbild BLAU: nichtblau = yellow-Information
Farbauszugsfilterbild GRÜN: nichtgrün = magenta-Information
Farbauszugsfilterbild ROT: nichtrot = cyan-Information

Ohne Auszugsfiter, Schwarzauszug: Ergänzungsinformation zu Schwarz. Dies ist notwendig, weil die drei subtraktiven Farben im Zusammendruck nicht ein absolutes Schwarz erzeugen, dem Bild fehlt eine gewisse Tiefe. Der Grund liegt nicht in der Farbtheorie, sondern in den (noch) nicht ganz perfekten Druckfarben. Diese vier Auszugsnegative wurden anschliessend über eine Rasterfolie auf ein sehr hartes Lithmaterial kopiert. Es entstanden die Positiv-Rasterfilme (Lithos), deren Rasterwinkelung für jede Farbe zu einem anderen Winkel gedreht wurde. Die Rasterpunkte stehen in einem gleichmässigen Abstand zueinander. Für die Darstellung heller Flächen sind die Punkte kleiner (spitzer), für die Darstellung dunkler Flächen entsprechend grösser (breiter).

Die gerasterten Lithos wurden auf die Druckplatte der entsprechenden Farbe passergenau kopiert. Da der Zusammendruck der drei subtraktiven Grundfarben nicht wie theoretisch völliges schwarz ergibt, wird als vierte «Farbe» noch ein schwacher Schwarzauszug gedruckt.

Raster zur Darstellung heller und dunkler FlächeRasterwinkelung beim Vierfarbendruck

Wenn man, wie zum Beispiel bei der Canon Fotoschule, die zu druckenden Dias in die Reproanstalt gibt, wird für jedes Bild ein Litho in der gewünschten Druckgrösse hergestellt sowie eine sogenannte Skala. Die Skala ist der einzelne Druck für jede Farbe sowie für den Zusammendruck von jeweils zwei sowie aller vier Farben. Der aufwendige Vorgang hatte seinen Preis. Ein Vierfarbenauszug inclusive Skala in der Grösse A5 konnte durchaus CHF 500 kosten. Aus heutiger Sicht, wo diese Aufbereitung eines Farbbildes durch PHOTOSHOP in relativ kurzer Zeit erledigt ist, ein unvorstellbarer Preis. Es ist uns nicht bewusst, dass in diesem Programm rund 170 Jahre Erfahrung in der Fotolithografie enthalten sind!m,Heute wird das aufbereitete Bild auf dem Computer zusammen mit dem Text in einen Umbruch eingefüllt. Als Umbruchprogramm dient nahezu ausschliesslich InDesign von Adobe CC. Allerdings benötigt diese Tätigkeit mehr als nur das Programm und einen geeigneten Computer. Unumgänglich ist das Wissen dazu, das Sie in PHOTOKOLLEGIUM Band 6 vorfinden sowie im Polygrafie-Unterrichts-Standardwerk:
Bildbearbeitung Band 1, Grundlagen der Farbreproduktion von Fritz Maurer, comedia die Mediengewerkschaft, Monbijoustrasse 33, CH-3011 Bern.


Farbaufbau im Vierfarbendruck

Mein Weg zur Computerei

In den achtziger Jahren wurde es immer klarer, in welcher Richtung sich die Fotografie zu entwickeln begann. Um bei der Digitalisierung in vorderster Front dabei sein zu können, belegte ich 1979 einen Semesterkurs an der ETH, in dem es um die Programmierung von Mikroprozessoren ging. Im gleichen Jahr beschaffte ich mir meinen ersten eigenen Personalcomputer, einen Atari Commodore 8032 mit 32 KB dynamischem Speicher (!). Das Betriebssystem auf Diskette wurde zum Start hochgeladen und hatte einen eingebauten Basic-Interpreter. Die Maschine startete daher sofort im Programmiermodus in der einfachen Programmiersprache Basic. Anwendungsprogramme gab es, mit Ausnahme eines einfachen Schreibprogramms, keine. Auf dem Commodore entstanden dann, ausgedruckt auf einem nervös surrenden Nadeldrucker meine weiteren Manuskripte, die ihrerseits für den Satz erneut abgeschrieben und umbrochen wurden…


Atari Commodor2 8032

Das erste Projekt, welches ich auf dem Atari in Basic programmierte, war ein alphabethisches Sortierprogramm die Erstellung der Sachregister für meine Veröffentlichungen – denn so etwas gab es damals schlicht und einfach nicht. Weil meine Bücher jeweils mehrere hundert Seiten dick waren, genügte der bescheidene Speicher von 32 KB nicht, um alle Begriffe aufzunehmen. Die Sortierung musste in kleinen Paketen vorgenommen und auf Disketten zwischengespeichert werden. Anschliessend konnten die einzelnen Pakete analysiert und Buchstabe um Buchstabe sortiert und zwischengespeichert werden. Nachdem das Programm zum Funktionieren gebracht wurde, konnte ich die Stichwörter mit den Seitenzahlen eingeben und das Programm des Wundercomputers starten, welcher dann die Arbeit in einer ganzen Nacht weitgehend selbstständig erledigte.

Etwas später stellte mir ein Lieferant insgesamt sieben NEC Decision Mate zur Verfügung. Dieser frühe Personalcomputer hatte zwei Prozessoren eingebaut, Z80-A und i8088, welche wahlweise angesteuert werden konnten. Auch hier wurde das Betriebssystem und der Basic-Interpreter über Floppy-Disk 5,25 inch (360K) eingespiesen. Der RAM-Speicher hatte eine Grösse von bereits 512 KB. Diese frühen Personalcomputer standen ein Semester lang in meinem Vorbereitungszimmer auf Rolltischen und konnten für den Kurs, den ich darauf für interessierte Schüler und Lehrer einmal pro Woche durchführte, ins Schulzimmer gerollt werden. Vermutlich war dies der erste Programmierkurs an einer schweizerischen Berufsschule.

NEC Decision Mate (mit freundlicher Genehmigung Fotografie Edwin Aures; fau.de

Der erste Macintosh

Und dann kam das Jahr 1985. Eines Tages besuchte mich ein Bekannter  – Nicolò Paganini – vorbei und stellte mir ein würfelförmiges Ding neben den Schreibtisch auf den Boden mit der Aufforderung, diesen Würfel doch einmal auszuprobieren. Es war ein Macintosh 128 K, das heisst, mit einem RAM-Speicher der Grösse 128 KB. Es vergingen einige Tage, bis ich den Computer auf den Schreibtisch hob und in Betrieb nahm. Das Betriebssystem und die Programme wurden auf 3,5-inch-Disketten mitgeliefert und mussten vorgängig hochgeladen werden. Im Gegensatz zu den Computern, welche ich kannte, erschien auf dem schwarzweissen 9-Zoll-Monitörli eine grafische Oberfläche, der Macintosh-Finder mit Schreibtisch und Papierkorb. Von diesem Moment an stand nie mehr ein anderes Computersystem auf oder unter meinem Schreibtisch.

1986 bis 1987 absolvierte ich ein für Berufsschullehrer ausgeschriebenes Informatikintensinachdiplomstudium. Grosses Erstaunen am ersten Studientag: Für jeden Teilnehmer stand ein Rucksack mit einem Macintosh Plus zur Verfügung. Einzige Bedingung war, man müsse dieses Gerät jeweils,für das Studium nach Hause tragen. Der Macintosh Plus war bereits mit einem RAM von 1 MB Grösse ausgerüstet.

Apple Macintosh Plus (©Computerspielmuseum) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5f/Computerspielemuseum-44_%2816928512427%29.jpg

Erstaunlich, bis März 1987 wurden weltweit über 1 Million Macintosh Plus verkauft.

In der Schweiz kostete ein solches Gerät ohne Zubehör rund CHF 3000. Wir Kursteilnehmer konnten das Gerät nach dem Nachdiplomstudium relativ kostengünstig übernehmen.

Zu jener Zeit hat der Bund das Projekt Informatik für alle gestartet. Man war der Meinung, es sollen keine Auszubildende und kein Auszubildender ins Leben hinaus entlassen werden, ohne ein gewisses Mass an Informatik-Wissen. Dazu wurde ein erstaunlich guter Lehrgang entwickelt, welcher Buchinformationen und Videos kombinierte und auch vorsah, dass die Schülerinnen und Schüler wussten, was eine Programmiersprache (BASIC) ist. Sämtliche Berufsschulen mussten dazu mit Personal-Computern ausgerüstet werden. Die Berufsschule für Gestaltung hatte dazu anfänglich ein Computersystem mit Dualprozessoren, welche dann bald mit Ataris ergänzt wurden. In der nächsten Generation für das dritte Computerzimmer folgten dann zuerst der Macintosh SE und 1990 mit dem Macintosh-Computer Macintosh IIFX, der teuerste ($9000 bis 12000) jedoch schnellste Personalcomputer auf dem Weltmarkt, welcher sich für die Programme der gestalterischen Berufe besonders gut eignete. Zwischenzeit einen Macintosh Plus. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass dieses 1-MB mittels vier 512-KB-RAMs erreicht wurde, suchte ich nach einem Lieferanten von 1-MB-RAMs und wurde in den USA fündig. Nicht ganz billig damals! Ich bot meinen Kollegen daher an, ihren Mac Plus auf 2 oder 4 MB-RAM zu erweitern. Allerdings mussten sie mir die Kosten vorschiessen und so bestellte ich die notwendige Anzahl RAMs. In einer Sonntag-Aktion in der Schule baute ich die bestellten Erweiterungen ein. Das war damals derart teuer, dass Kollegen mit Kindern sich für 2-MB entscheiden mussten während andere ohne Anhang mit 4-MB trumpfen konnten. Das Upgrade hat bei allen geklappt. Man musste dazu je nach Upgrade-Grösse einen oder zwei Widerstände aus der Platine entfernen, damit das System erkennen konnte, wieviel RAM ihm zur Verfügung stand.

Der vermaledeite Dienstweg

Als wir erst zwei Computerzimmer eingerichtet hatten, betreute ich deren Service und Unterhalt freiwillig jeweils an Sonntagen. Gerne hätte ich für diesen Zeitaufwand eine entsprechende Unterrichtsreduktion erhalten. Meine diesbezüglichen Eingaben wurden jedoch vom Rektorat nicht beantwortet. Also schrieb ich mein Anliegen direkt an die zuständige Stadträtin Emilie Lieberherr und meldet auch, ich würde allfällige nicht ganz konforme Eingriffe wieder rückgängig machen.
Das löste einen Sturm aus, indem Lieberherr mit den zuständigen Herren übers Wochenende ein telefonisches Rundgespräch führte und sofortige Auskunft verlangte. Dem Vernehmen nach sei der Amtschef (Amt für Berufsbildung, dessen Namen habe ich geflissentlich aus meinem Gedächtnis gestrichen) über meinen nicht eingehaltenen Dienstweg wütend geworden und habe empfohlen, mich fristlos zu entlassen. Es wurde jedoch für mich entschieden und Lieberherr befahl, diesen Mann (mich) korrekt zu entschädigen und den Amtschef ungerechterweise ebenfalls im Amt zu belassen.

Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief vom Stadtrat der Stadt Zürich, in welchem stand: «Sie werden hiermit wegen Nichteinhaltung des Dienstweges bestraft mit: einem Verweis!»

Später erhielt ich noch einen weiteren Verweis, dannzumal vom Kanton ausgelöst:

Termingemäss hatte ich das Anschaffungsbudget eingereicht und grünes Licht dafür erhalten. Die Bestellung ging frühzeitig hinaus und die Geräte sollten in der ersten Sommerferienwoche geliefert werden. Das taten sie nicht. Gleichzeitig erfuhr ich, dass der Kanton Zürich vereinzelte Rechnungen meiner Lieferanten seit dem Frühjahr noch nicht bezahlt hatte, obwohl es weit über dem Zahlungstermin lag. Das war natürlich gar nicht gut, hatte ich doch bei den mir bekannten Lieferanten immer nach guten Preisen gefragt und oft auch gewährt bekommen. Ich musste also wieder aktiv werden. Und weil ich vermutete, wo der Wurm drin war, hielt ich den Dienstweg noch einmal nicht ein und schrieb direkt dem zuständigen Regierungsrat. Dieser war mir bekannt, denn seine Tochter sass zu jener Zeit bei mir im Unterricht als Fotografin. Ich gehe davon aus, dass zu Hause bei Küenzis mein Unterricht ebenfalls Thema beim Familientisch war. Natürlich nüzte diese Intervention. Das Wurmloch wurde rasch gefunden und gestopft. Zwei Wochen danach erhielt ich wieder einen Brief mit dem bekannten Inhalt: «Sie werden hiermit wegen Nichteinhaltung des Dienstweges bestraft mit: einem Verweis!»

Ob auch der Urheber des Wurmlochs bestraft wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Informatikverantwortlicher

Aufgrund meiner Interessen und meiner Nachdiplomstudien hat mir die Schule die Verantwortung für die Informatik übertragen. Zusammen mit meinem Assistenten Remo Michel, welchen die damalige Schulleiterin und ihre Vasallen viele Jahre später in weitgehend geistiger Umnachtung so schlecht behandelte, dass dieser in einer Kurzschlusshandlung kündigte und der Schule verloren ging. Mit Remo Michel zusammen hatte ich ein umfassendes, modernes und schnelles Netzwerk geplant und aufgebaut, in dem wir aus Kostengründen sogar das erste geswitchte Koaxialkabelnetz über alle Stockwerke selbst verlegten. Das zweite war dann später bereits ein solches mit RJ-45-Cat.5-Kabeln. Zudem wurde ein WLAN über alle Stockwerke des Hochhauses eingerichtet. Das erlangte Wissen im Bereich Informatik führte, dass ich sukzessive bei verschiedenen Weiterbildungslehrgängen auf Stufe Höhere Fachschule (HF) und Fachhochschlue (FH) den Informatikunterricht erteilte. Und selbstverständlich diente mein Wissen auch den Auszubildenden in derFotografie. Ihnen erteilte ich im Berufskundeunterricht das notwendige Grundlagenwissen zur elektronischen Bildbearbeitung der Fotos mittels PhotoshopSo ganz ohne Getöse verlief jedoch mein Weg zum Informatikverantwortlichen nicht. Zuerst gab es nur ein einziges Schulzimmer mit einem Dualprozessor, ähnlich wie der NEC Decision Mate, mit welchem ich bereits Jahre zuvor den allerersten Computerkurs an dieser Schule erteilt hatte. Alle Computerzimmer wurden damals im Untergeschoss des SchulhausesLimmatplatz eingerichtet. Der Grund: Im Untergeschoss war bis dahin die Bleisetzerei untergebracht. Nicht nur die Handsetzerei, welche etwas reduziert blieb, nein vor allem die Linotype Zeilensatzmaschine mit der Bleigiesserei, welche mit flüssigem Blei arbeitete und jeweils eine ganze Zeile, welche zuvor mittels Messing Buchstaben über eine Tastatur gesetzt war, in Blei umgoss. Die Nachfolgetechnologie war dann der Fotosatz, bei welchem kein Blei mehr gegossen wurde und die somit auch in höheren Stockwerken untergebracht werden konnte.

Zeilensetzmaschine Linotype (Druckerwerkstatt Museum der Arbeit Hamburg, Wolf 1949H)

Vor der Einrichtung des nächsten Computerzimmers gab es einige Meinungsunterschiede. Die Bürolisten wollte unbedingt einen Microsoft-kompatiblen PC (PC1 ab 1985) beschaffen, ich dagegen plädierte für einen Macintosh und mein Lehrerkollege aus dem Fachbereich Polygrafie und späterer guter Freund (und Rektor der Berufsschule) Fritz Maurer machte sich stark für einen Atari. Dies aus gutem Grund. Denn auf dem Atari lief ein hervorragendes, rahmenorientiertes Layout- und DTP-Programm mit Namen Calamus. Ab 1. Juli 1987 gab es die erste schwarzweisse Version, bot jedoch bereits damals die bis heute verwendete LayoutTechnik mit Objektrahmen für Seitenelemente von Druckprodukten. 1989 erschien dann Calamus SL. Diese Version war nun auch für professionelle Anforderungen von Satzstudios, Werbeagenturen und für die Druckvorstufe geeignet. Durch sein Software-RIP auf hochauflösende Satzbelichter konnten fertige Druckvorlagen und Farbauszüge mit bis zu 4000 dpi ausgegeben werden. Das Programm war der damaligen Zeit weit voraus weit voraus. Alternativ gab es als DPT-Programm damals nur QuarkXPress. Die erste Version von Photoshop kam erst im Februar 1990 und lief anfänglich ausschliesslich nur auf Macintosh. Da nun Ataris angeschafft wurden, ich jedoch QuarkXPress unterrichten wollte, fand ich eine (nicht ganz legale) Möglichkeit, mittels eines programmierten USB-Sticks, zusammen mit einem Betriebssystem-Clone von Apple, welchen man vor dem Start des Ataris einstecken musste, um in diesem ein Macintosh-Betriebssystem zu simulieren, sodass auch QuarkXPress auf dieser Maschine lief. Und alle waren ein gutes Jahr lang glücklich… Nach diesem einmaligen Fremdgehen war der weitere Weg der ehemaligen Kunstgewerbeschule klar in Richtung Apple Macintosh vorgegeben. Der hauptsächliche Grund lag natürlich einerseits am Betriebssystem, andrerseits jedoch auch am Finder, der grafischen Oberfläche des genialen Betriebssystems. Eines der nächsten Computerzimmer 1990 wurde dann bereits mit Apple Macintosh IIfx ausgerüstet. Dies war der teuerste Personalcomputer, den es bis zu dieser Zeit gab, jedoch auch der schnellste und er war für rechenintensive professionelle Anwendungen vorgesehen. Sein RAM-Speicher konnte bis auf 256 MB erweitert werden, wobei soviel Zusatzspeicher stolze CHF 25’000 mehr kosteten.

Photoshop, Quark-X-Press, In-Design usw. in den glorreichen 80ern und 90ern

Und dann ging es Schlag auf Schlag. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre und den 90ern kamen die ersten modernen Programme auf den Markt und veränderten die Arbeitsweise der Gestalter und Typografen innert kürzester Zeit grundlegend. Wir unterrichteten im Pflichtunterricht und in den Kursen zur Weiterbildung Photoshop ab Version 3.0. Die Typografen liessen die nahezu unbezahlbar neue Fotosatzanlage links liegen und standen Schlange im Vorbereitungszimmer, in welchem ein Macintosh SE mit angeschlossenem Hochformat-A4-Monitor stand…

Einige Fotografen blieben auf der Strecke

Ich habe es bereits erwähnt, die Digitalisierung ist innert weniger Jahre erfolgt. Obwohl der Vorgang innerhalb der Fotografie in zwei Schritten vollzogen wurde, blieben einige Fotografen (vorwiegend in meinem Alter) auf der Strecke. Dabei hatte sich nicht wirklich viel geändert. Man konnte sogar eine Zeitlang die bisherigen Objektive noch weiterhin verwenden, auch wenn diese den deutlich höheren Qualitäts- und Auflösungsansprüchen des digitalen Bildes bald überhaupt nicht mehr genügten. Finanziell war der Umstieg daher zu schaffen, sofern nicht eine tiefverwurzelte Angst vor dem Teufelsding Computer vorhanden war. Trotzdem, einige haben es nicht geschafft. Vorwiegend traf es jene, welche seinerzeit nach der Lehre meinten, sie könnten nun auf den einmal erreichten Lorbeeren ausruhen und sich bis ans Lebensende mit dem Wenigen, das sie damals lernten, zufriedengeben. Als Lehrer konnte ich das persönlich überhaupt nicht verstehen. Es gibt doch kaum etwas Interessanteres als den Entwicklungen im eigenen Fachbereich aktiv zu folgen!

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Korrektorat: Ilka Marchesi


 

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