Jost J. Marchesi: «Sieben Jahrzehnte für die Fotografie, TEIL 2»
(Von der Rekrutenschule bis zur Wahl als Hauptlehrer) 

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Rekrutenschule und Wiederholungskurse

Noch während meiner Lehrzeit konnte ich 1963 die Winter-RS (schweiz. für Rekrutenschule, militärische Grundausbildung) absolvieren. Es herrschte extrem kalter Krieg und war die Zeit erst wenige Monate nach Ausbruch und Lösung der Kuba-Krise, als die Welt wegen der sowjetischen Raketenbasen auf Kuba unmittelbar vor einem Atomkrieg stand:

Wikipedia: «Die Kuba-Krise war ein 13-tägiger Konflikt im Oktober 1962, der die Welt dem nuklearen Abgrund näherbrachte. Sie entstand, als die USA sowjetische Atomraketen auf Kuba entdeckten, was zu einer militärischen Konfrontation mit der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow führte. Nach diplomatischen Verhandlungen unter Präsident John F. Kennedy stimmte die Sowjetunion dem Abzug der Raketen zu, im Gegenzug erhielten die USA eine Sicherheitsgarantie. Die Krise war der Höhepunkt des Kalten Krieges und verdeutlichte die tödliche Gefahr von Kernwaffen in falschen Händen, was letztlich jedoch zu einer neuen Phase der Entspannung führte.»

Leider nur vorübergehend, wie wir aktuell wissen.

Mein Lehrmeister Gessler war grosszügig und erlaubte die RS-Abwesenheit ohne Nachholpflicht bei der Arbeit. Ausgehoben wurde ich als Fliegerfotograf. Das war natürlich mein Wunsch und der Aushebungsoffizier schaute im grossen, dicken Buch nach, ob der Kanton Aargau Anspruch auf eine solche Ausbildung hatte. Ja, hatte er, mit zwei Mann. Nach mir wurde die Seite geschlossen.

Mitte Februar 1963 rückte ich daher in die Kaserne beim Militärflugplatz Dübendorf zur Fliegernachrichten-Rekrutenschule ein. Es war der legendäre Jahrhundert-winter mit der Zürcher Seegfrörni, das heisst, verdammt kalt. Anfänglich lagen die Morgentemperaturen bei –26° C und für die meisten von uns Rekruten gab es noch keine Winterausrüstung. Untergebracht waren wir in lausigen, schlecht isolierten Holzbaracken, welche mit Hilfe eines Ölofens beheizt wurden. Die Morgenwaschgelegenheit fand an Holzwannen im Freien statt. Dabei mussten die eingefrorenen Leitungen vorher mittels Hilfe von Lötlampen zuerst aufgetaut werden. Bereits am ersten Morgen erkannte ich, dass Zähneputzen mit Eiswasser nicht besonders förderlich war; ich hörte direkt, wie der Zahnschmelz kaputt ging. Daher putzte ich meine Zähne lieber nicht mehr, sondern kaute lediglich etwas Zahnpasta.

Nach dieser angedeuteten Morgenwäsche ging es in die überheizte Essbaracke, wodurch die meisten Kollegen gleich wieder einschliefen. Kurz danach erneut nach draussen – die meisten ohne Winterausrüstung – zum Antrittsverlesen. Es dauerte ewig und man war sehr versucht, die tiefgefrorenen Hände in den Hosensack zu stecken. Doch da kam sofort ein Unteroffizier in Lederpelzhandschuhen und reklamierte. Ich nahm also die Eisklötze aus der Hosentasche, um sie gleich wieder reinzustecken. Dabei überlegte ich mir, was wohl mit meinen Ohren passieren würde. Ich erinnerte mich an einen Verkäufer bei Kleider-Frei in Baden, der erfrorene Ohren hatte, weil er bei der Hinfahrt auf dem Velo keinen Ohrenschutz trug. Kein schöner Anblick.

Nachdem die ersten Rekruten ohne Winterkleidung ohnmächtig wurden, intervenierte der Truppenarzt, ein abverdienendes Offizierlein, beim Kompaniekommandanten, welcher seinerseits ein abverdienendes Oberleutnäntli war. Es wurde endlich entschieden, den Rest der Informationen in einer beheizten Baracke auszugeben.
Wegen des Temperatur-Unterschiedes von rund 60 Grad (Celsius!), fiel dort der Rest der Kompanie ebenfalls in Ohnmacht.
Mir wurde so am ersten Tag meiner militärischen Ausbildung bewusst, dass wir im Milizsystem offensichtlich von weitgehend blutigen Amateuren zu Kriegern gemacht werden sollten. Glücklicherweise war diese «Ausbildungsart» nur im soldatischen Bereich der Fall; die Fachausbildung zum Fliegerfotografen entpuppte sich als sehr professionell. Immerhin lernte ich soldatisch, wie man einen Karabiner blind auseinanderschraubte und wieder zusammensetzte, wie man mit einer Maschinenpistole und mit einer Handgranate umzugehen hatte und wie man sich beim Exerzieren als Zirkusrösslein fühlte. In den aus dem ersten Weltkrieg stammenden Lumpen allerdings nicht in annähernd gleicher Grazilität…

Apropos Lumpen: Die Wertschätzung ihrer damals 600’000 Soldaten der Schweizer Armee wird durch diese unwürdige Einkleidung offensichtlich. Ebenso die Bereitschaft, ihre Vaterlandsverteidiger im Kugelhagel demTod auszuliefern: Niemand konnte mir erklären, wie man im Feld in Deckung seine Notdurft erledigt. Es war schlicht und einfach unmöglich, die Hosen innert nützlicher Frist unter dem Patronengürtel, dem knielangen Bajonett, der verschlauften Gasmaske, dem Brotsack und dem Tornister – möglichst alles noch bedeckt durch den bodenlangen Militärmantel aus dickster, wasservollgesogener Wolle dazu herunterzulassen. Meinen Vorschlag, diese Kunst anstelle des Exerzierens einzuüben, fand kein Gehör.

Wir waren 1963 die allerletzte Truppe, welche noch mit einem Karabiner 31 ausgerüstet wurde, vermutlich, weil wir ja keine eigentliche Kampftruppe waren.

Im Zeughaus hatten sie Überzeit geschuftet, sodass wir Halbverfrorenen ohne Winterartikel hingefahren und endlich mit den schweren wollenen Winterkleidern ausgerüstet wurden, welche im Vergleich zu modernen Textilien viel schwerer waren und nicht besonders gut wärmten. Ich nahm die Gelegenheit wahr und zeigte dem Angestellten im Zeughaus – diese haben so etwas an sich wie Gottvater persönlich – meine um gefühlte acht Nummern zu grosse Ausgangsuniform. Dieser packte das Oberteil auf Brusthöhe und zog es nach vorne, nur um zu bemerken: «Warte nur ein bis zwei Jahre, dann ist dir diese Uniform zu knapp.»

Im ersten WK (schweiz. für Wiederholungskurs) mokierte sich dagegen ein schönheitsbewusster Feldweibel über meine Schlotterkluft und schickte mich erneut ins Zeughaus. Dort wurde ich gefragt, welcher Idiot mir diese Uniform verpasst hätte. Ich sagte «Gottvater persönlich». Man lachte, nahm meine Körpermasse auf und erstellte mir eine Massuniform, die einige Tage danach fertig war. Diese sass bis zum Ende meiner Dienstpflicht perfekt und ich war vermutlich der damals eleganteste gekleidete Soldat der Schweizer Armee, wäre da nicht der grobe Wollstoff in dieser seltsamen Nichtfarbe gewesen.

In der zweiten Woche begann der Fachunterricht jeweils am Vormittag, nachmittags war für die soldatische Ausbildung vorgesehen. Wir musste dazu ins Flughafengebäude marschieren. Da waren wir noch über 40 Rekruten, die als Fotografen ausgehoben wurden. Es gab daher zuerst mal Prüfungen, bis die vorgesehene Anzahl von 12 Rekruten, welche zu Fliegerfotografen ausgebildet werden sollten, ausgewählt waren. Die Nichteingesetzten machte man zu Telefönler (Telefon-Soldaten), welche die Drahtnetze von grossen Drahtspulen am Rücken für die Feldtelefonie zu verlegen hatten. Dies musste ja auch jemand machen.

Für uns edle Auserwählte begann eine ziemlich interessante Ausbildung. Als wohl einzige Spezialisten der Schweizer Armee erhielten wir bereits nach drei Wochen den Beobachter-Stern am linken Oberarm, ohne dass wir dieses Spezialistenabzeichen abzuverdienen hatten. Allerdings muss man wissen, dass Fliegerfotografen eigentlich Fotolaboranten waren, die daneben auch noch die Filme in den Aufklärungsjets einfüllen und die Fliegerkameras einrichten.
Das aktive Kampfflugzeug zur damaligen Zeit war die De Havilland DH.112 Venom. Zu Schulungszwecken gab es noch eine Anzahl der Vorgängermodelle Vampire.

Wikipedia: «Ein Schweizer Firmenkonsortium bestehend aus Doflug Altenrhein (FFA), den Pilatus Flugzeugwerken und F+W Emmen bauten 126 Venome FB.1 unter Lizenz (Dienstnummern J-1501 bis J-1625). Die zugehörigen Triebwerke stellten, ebenfalls in Lizenz, die Gebrüder Sulzer her. Die 1956 hergestellten 24 FB.1R Fotoaufklärer erhielten Kameras, die in den vorderen Teil der festen Flügel-Zusatztanks (Flents) und in den neu konstruierten Rumpf-Bug (Flunt) eingebaut wurden, wo sie zwei der vier 20-mm-Kanonen ersetzten. Die Ablieferung der Maschinen mit den Dienstnummern J-1626 bis J-1649 erfolgte von März bis September 1956. Ebenfalls noch 1956 gab es eine abschließende Lizenzvereinbarung für 100 Venom FB.4A (J-1701 bis J-1800), die mit UHF-Ausrüstung und einem verbesserten Bombenzielgerät zwischen August 1956 und März 1958 geliefert wurden. Die letzten Schweizer Venoms wurden 1984 ausgemustert.»

Damals hatte die Schweizer Luftwaffe noch schlagkräftige und in genügender Stückzahl vorhandene Jäger und Aufklärer und für die Piloten sogar einen brauchbaren und anständig ausssehenden Anzug.

Einstrahlige De Havilland Venom MK 4 Aufklärer im Museum der Luftwaffe in Dübendorf mit
verschiedenen Waffen und Bomben (unten links) sowie Kameras (unter dem Bug und oben rechts hinter dem linken Flügel).


Ein Teil unserer Arbeit fand daher in den Hangars und auf dem Flugfeld statt, wo die Kameras in Flunt und den Flents in ihrer Richtung geändert, sowie mit neuen Filmkassetten bestückt werden mussten. Die vollen Filmkassetten kamen ins Labor, wo eine andere Gruppe Fotografen die Filme entwickelte und allenfalls von den Negativen bestellte Kopien und Vergrösserungen anfertigte.

24 von insgesamt 256 (jawohl, damals trug die Luftwaffe ihren Titel noch zurecht!!) Venoms dienten als Aufklärer, der Rest als Jagdbomber. Die 1956 hergestellten 24 FB.1R Fotoaufklärer erhielten Kameras, die in den vorderen Teil der beiden festen Zusatztanks und in den neu konstruierten Rumpfbug eingebaut wurden. Es handelte sich um Vinten-Kameras mit perforiertem 70-mm-Film sowie grossformatigen Reihenbildkameras mit 12 cm breitem Rollfilm. Die Kameras mussten gemäss Aufklärungsauftrag entweder senkrecht nach unten, schräg nach vorne oder schräg seitlich ausgerichtet eingebaut werden. Die 30 m langen 70-mm-Filme und die ebenso langen Rollfilme der grossen Reihenbildkamera mussten in der Dunkelkammer bei vollständiger Dunkelheit in die entsprechenden Kassetten geladen werden, welche dann auf dem Flugplatz oder im Hangar in die Kameras eingesetzt wurden. Dazu waren zwei Fotografen notwendig, einer sass im Cockpit und bediente die Auslösemechanismen und der andere setzte die Kassetten ein und kontrollierte den korrekten Filmlauf mit den ersten paar Aufnahmen im Ruhestand des Flugzeuges.
 
Die 70-mm-Vinten-Kameras hatten verstellbare Belichtungszeiten, wobei die kürzeste – glaube ich – bei 1/4000 Sekunde lag. Die Grossformatkameras arbeiteten als Reihenbidkameras in Abhängigkeit von Flughöhe und Geschwindigkeit, wobei sich die einzelnen Aufnahmen um jeweils 60% überlappten.
 
Entwickelt wurden die langen Filme in Durchlaufentwicklungsmaschinen. Die Auswerteoffiziere arbeiteten normalerweise direkt mit den auf Leuchttischen zu betrachtetenden Negativen. Für die Schulung der fotografierten Bodentruppen dagegen wurden auch Papierprints und Vergrösserungen erstellt. Mit diesen konnten die Bodentruppen die Qualität ihrer Tarnung beurteilen.
Es gab auch eine ganz interessante Kopieranlage, die mittels Kathodenstrahl die Belichtung vornahm und bei welcher sich der Kontrast einstellen liess. Dünne Negativstellen wurden dabei relativ kürzer und dichte Stellen entsprechend länger belichtet. Die Bildqualität der Prints war dabei ausgezeichnet! Auch die normale Bildqualität war ausserordentlich gut, wenn man bedenkt, dass es sich ja noch um hochempfindliche, analoge Systeme handelte, welche aus heutiger Sicht vergleichsweise unscharf erscheinen.
 
Direkt im Zielgerät für die Bordkanonen waren bei allen Venoms (Aufklärer und Jäger) 16-mm-Kameras eingebaut. Damit konnten die Piloten und ihre Ausbildner die Treffgenauigkeit kontrollieren. Unsere Aufgabe war auch die Entwicklung dieser Schmalfilme. Beim Dienst in einem Trainingskurs legten die Piloten ihre Zielfilme selber in eine Box im Einsatzraum. Die Fliegerfotografen holten diese belichteten Kassetten dort ab, entwickelten sie und legten sie danach in die Fächer der einzelnen Piloten. Für deren Entwicklung standen transportable Entwicklungsanlagen zur Verfügung. Während der Rekrutenschule war damals der Einsatzort für die Fotografen meistens Dübendorf. Um jedoch auch kriegsmässige Rund-um-die-Uhr-Einsätze kennenzulernen, absolvierten wir mehrere Trainingskurse auf Gebirgsflugplätzen und in Flugzeugkavernen im Gebirge, welche jeweils 10 bis 20 Tage dauerten. Ich lernte dabei eine Gebirgskaverne kennen, in denen die Venoms eine neben der anderen aufgehängt waren und mittels eines Kransystems in die Abflugbox geschoben wurden. Von dort aus konnten die Jäger und Aufklärer direkt aus einem Loch im Berg quer zum Tal starten, ohne vom gegnerischen Radar erkannt zu werden. Damit der Startschub reichte, hatte man offenbar die bei den Venom-Motoren übliche Start-Explosionspackung verstärkt. So genau hatte man uns das Verfahren nicht erklärt – vieles war als geheim eingestuft. Bei Nichtgebrauch war das Startloch mit einem getarnten Stahltor verschlossen.
 
Grundsätzlich wäre ich bereit gewesen, mit einer militärischen Karriere weiterzumachen. Aber ich wurde nicht für die Unteroffiziersschule (UO) ausgewählt, weil ich meinen Lehrabschluss noch nicht gemacht hatte. Man würde danach gerne auf mich zurückkommen. Kam man jedoch nicht. Ich hätte die UO absolviert, aber nur, wenn ich auch eine Chance gehabt hätte die Offiziersschule zu machen. In diesem Fall hätte ich auf den Posten des Chefs Luftaufklärung spekuliert. Mein Vater hat mich dazu animiert und erklärt, ich würde dann ein Auto erhalten und früh pensioniert werden. Die Karriere sah den Aufstieg bis zum Oberstleutnant vor (die Lohnklasse wäre erheblich über jener eines Zürcher Berufsschullehrers gelegen). Daraus wurde nichts. Der spätere Chef Luftaufklärungsdienst war mir dafür stets gut gesinnt.

Zu meinem ersten WK wurde ich auf den Brünig (Pass zwischen Obwalden und dem Berner Oberland) beordert. Tatsächlich rückten dort etwa sechs Fotografen ein. Von der Passhöhe Brünig gings mittels VW-Bussen mit Differentialsperren nach OB (ob Brünig). Dort lagen ein Barackenlager für die Unterkunft der Mannschaft, eine Essbaracke mit Aufenthaltsraum und Küche sowie eine Baracke, welche Fotolabors hätte enthalten sollen. In der Nähe des Barackenlagers fand man etwas versteckt den Eingang zu einer Felskaverne (damals sehr geheim). Dabei handelte es sich über nicht sehr grosse, jedoch vollständig kriegsmässig ausgerüstete Felsen- bzw. Gebirgskaverne mit Mannschaftsunterkunft, Aufenthaltsräumen, Freizeiträumen und insbesondere seit 1960 der Einsatzzentrale für die Luftwaffe.
Es stellte sich beim ersten WK rasch heraus, dass die Laborbaracke nicht eingerichtet war. In der Kaverne gab es ebenfalls keine Laboranlagen. Alle sechs Fotografen wurden daher auf die Wache geworfen. Insider wissen, dass es nichts Langweiligeres gibt als sinnlose Wache zu schieben. So mussten wir rund um die Uhr einen Mann vor dem verdeckten Kaverneneingang postieren, bewaffnet mit einer ungeladenen Maschinenpistole. Besonders sinnlos, weil rund 50 m entfernt am Ende des Eintrittstunnels ein schwer bewaffneter Militärpolizeiposten präsent war.

Die Situation war allerdings speziell. Kurz zuvor wurde angeblich die geheime Kaverne im Auftrag der Sowjetunion detailliert ausspioniert und dadurch so ziemlich nutzlos. Sicher ist jedoch, dass die Kaverne als Einsatzzentrale für die vielen Venom-Jäger, welche die Schweiz damals hatte, generell zu klein war. Weiter mussten neu irgendwo die Einsatzzentralen für das geplante Florida-Luftraumüberwachungssystem untergebracht werden. Der Felskopf ob Brünig galt zudem nicht als atombombensicher.
 Diese Tatsache wollte die Luftwaffe dem Vorsteher des Militärdepartements Paul Chaudet und einer grossen Gruppe Parlamentarier erläutern. Deshalb belegte man die Kaverne kriegsmässig mit der maximalen Anzahl Truppen, welche in der Kaverne im Dreischichtenbetrieb arbeiteten und schliefen. Kojen hatte es für genau einen Drittel der Mannschaft. Müsste ja genügen, denn jede Schicht betrug acht Stunden. Acht Stunden arbeiten, acht Stunden Freizeit, acht Stunden schlafen. Es ist leicht vorstellbar, wie schwierig es war, eine freie Schlafstelle zu finden. Der entstandene Kavernenkoller war jedoch geplant. Ich stand eines Tages also am Stolleneingang als Paul Chaudet und rund 30 Parlamentarier in die Kaverne geführt wurden. Immerhin plauderte Chaudet mit mir kleinem Wachhabenden ein paar Worte in französischer Sprache. Aufgrund dieses Besuchs wurden dann später Mittel bewilligt, um die Einsatzzentrale der Luftwaffe in eine der grössten Felskavernen der Schweiz – K7 in Attinghausen – zu zügeln. Mit dem Erstellen jener Felskaverne wurde bereits Ende der 40er Jahre begonnen. Es war zudem die Zeit, in welcher die veralteten Venoms durch die Mirage ersetzt wurden. Wegen des daraus entstandenen Mirage-Skandals mit seinen viel zu hohen Kosten (schon damals!) musste Bundesrat Paul Chaudet dann bald einmal den Hut nehmen. Wie sich die Geschichte der Flugzeugbeschaffung in der Schweiz immer zwangshaft wiederholt!
 
Nach einigen Tagen Wachdienst ob Brünig (OB) war es uns Fotografen verleidet. Ich telefonierte direkt dem Chef Luftaufklärung und fragte ihn, ob er wisse, wie seine Fotografen missbraucht würden. Dies passte ihm natürlich nicht und am nächsten Morgen kam der Feldweibel ins Wachtlokal und befahl: «Fotografen: Vollpackung erstellen.» Um 10 Uhr würde uns ein VW-Bus zur Station Brünig fahren, wo wir den Zug nach Dübendorf besteigen und uns dort zum Dienst melden sollten. Freude herrschte! Allerdings mussten wir vom sonnigen Brünig, über dem Hochnebel ins neblige Unterland dislozieren. In Dübendorf wurden wir sinnvollerweise mit Filmentwicklungen und Kopieren sowie dem Erstellen von Handbüchern für die Aufklärer beschäftigt. In den nächsten zwei WKs war ich dann trotzdem nochmals auf OB, aber dann war die Laborbaracke bereits eingerichtet. Sobald nach unwirklich kurzer Zeit K7 fertig angepasst und eingerichtet war, durfte ich dort Dienst leisten. Das Labor war in der Felskaverne untergebracht und die Mannschaftsunterkünfte ebenfalls. Die Anlage war damals noch sehr geheim und wir durften mit niemandem darüber sprechen. Als Fotografen hatten wir natürlich nur zu einer beschränkten Anzahl Räume innerhalb der Kaverne Zutritt. Dies wurde durch einen Farbcode auf einem Sichtausweis geregelt und von der Heerespolizei kontrolliert.
 
Ich meldete mich beim dortigen WK jeweils sofort zum Nachtdienst – wohlwissend, dass meistens nichts zu tun war. So konnte ich meine Matratze im Labor aufschlagen und dort von 18 Uhr abends bis 06 Uhr morgens verweilen. Da praktisch nie etwas geschah, habe ich in diesem «Einzelzimmer» ausgezeichnet geschlafen und konnte dann am Morgen direkt zum Frühstück und anschliessend zum ersten Mal für diesen Tag auf den Vitaparcours ausserhalb der Kaverne. Am Nachmittag wiederholte ich den Parcours bevor ich um 17:30 Uhr ein vorgezogenes Nachtessen erhielt. Ich war sehr fit und konnte mich hervorragend erholen. Zudem hatte ich genügend Gelegenheit, um für meinen Unterricht im zivilen Leben Arbeitstransparente (Hellraumfolien) zu erstellen.

Die meisten Felskavernen der Schweizer Armee wurden nach Ende des Kalten Krieges – als man glaubte, der ewige Frieden sei eingetreten – ausgemustert und gedankenlos verschachert. K7 in Attinghausen beispielsweise wurde 2005 aus dem Inventar der Kavernen entfernt und im Jahr 2007 an eine Firma verkauft, die nun dort Datenträger und Luxusartikel lagert. Die Kaverne K7 gilt als atombombensicher. Das Barackenlager Ob Brünig wurde später zu einer Asylanten-Unterkunft. Was mit der Kaverne geschah, weiss ich nicht. Sofern sich ein Käufer fand, wurde sie vermutlich ebenfalls verschachert.

Die letzten WKs und EKs (im Landsturm hatte ich statt drei Zweiwöcher zwei Dreiwöcher zu leisten) wurde ich immer vom neuen Chef Luftaufklärung nach Dübendorf beordert. Dort erhielt ich in der Kaserne ein Zimmer und für die Waffe einen Platz im Gewehrrechen und für meine sonstige
militärische Ausrüstung einen Vollgepäckschrank. Meine Aufgabe bestand in der Verbesserung der Haltbarkeit insbesondere der Omera-Filme aus der Mirage. Diese Negative wurden in gerolltem Zustand in den ursprünglichen Metallbehältern archiviert und präzise beschriftet. Da die Entwicklung ja immer sehr rasch hatte geschehen müssen, war die Haltbarkeit dieser Negative beschränkt. Dazu kam das Mikroklima in den Metallbüchsen. Man musste rasch die ersten Filme retten und eine bessere Archivmethode finden. Zudem sollten die neuen Entwicklungsmaschinen für die Omera-Filme so modifiziert werden, damit möglichst wenig Restchemikalien zurückblieben. Beides waren sehr interessante Aufgaben, denen ich mich gerne widmete. Da ich öfters für Messungen in die Berufsschule – wo ich ja mittlerweile unterrichtete – fahren musste, sowie auch ins fotografische Institut an der ETH, wurde mir ein Foto-Adjutant mit Auto als Fahrer und Assistent zur Verfügung gestellt. Essen konnte ich in der Betriebskantine des Flughafengebäudes in Dübendorf. Alles in allem war dies eine sehr interessante Dienstzeit im Interesse beider Parteien. Ich konnte nachweisen, wie man die befallenen Filme nachwässern, retten und besser konservieren konnte. Bei den Negativen handelte es sich ja nicht nur um militärisches Aufklärungsmaterial, sondern auch um kulturhistorisch wertvolle Aufnahmen zur Entwicklung der Schweiz aus Sicht von oben. Ebenso gelang es mir in Zusammenarbeit mit dem Hersteller der Entwicklungsmaschinen durch Veränderung des Fixierers mit nachgeschaltetem alkalischen Neutralisationsbad und unveränderter Schlusswässerungszeit bei erheblich verstärkter Belüftung den Restthiosulfatgehalt der Negative deutlich zu senken, was sich stark auf die Haltbarkeit auswirkte. Es war damals bereits abzusehen, dass in der Fliegerfotografie die analoge Fotografie keine Zukunft mehr haben wird. Allerdings waren die notwendigen hochauflösenden digitalen Sensoren auch für militärische Zwecke noch nicht erhältlich. Aber immerhin konnte man bald mit dem Digitalisieren der gefährdeten, kulturhistorisch interessanten analogen Negativen beginnen.

 

Fotoverkäufer und rasender Fotoreporter

Nach meinem Lehrabschluss arbeitete ich während dreier Monate (innerhalb der Probezeit) bei der Schmalfilm AG an der Talstrasse in Zürich. Das war ein grosses Foto-(Verkaufs)geschäft. Verkauft wurde das gesamte Apparatesortiment sowie Filmmaterialien aller Art. Daneben war im Untergeschoss ein kleines Portraitstudio für Passfotos eingerichtet. Bald war mir nicht mehr klar, wie ich auf die hirnverbrannte Idee kam, in einem Fotoladen zu arbeiten. In den umsatzschwachen Zeiten war beschäftigt aussehendes Herumstehen angesagt und ich begann meinen Monatslohn in einzelne Minuten umzurechnen. Immer, wenn der Sekundenzeiger der Uhr oben ankam, hörte ich die in dieser Minute verdienten Geldstückchen rollen. Das war eindeutig die allerschlimmste Zeit meines Angestelltenlebens. Zum Zahltag am Monatsende mussten wir Angestellten einzeln im Hochhaus, wo sich das Verkaufsgeschäft befand, in einen höheren Stock fahren und wie ein Bittsteller vor dem Geschäftsinhaber Bücklinge vollführen, sich für den unerhört hohen Lohn bedanken und neben dem Bargeldlohn noch anhören, was man im vergangenen Monat alles falsch gemacht haben soll. Natürlich kündigte ich sogleich, musste jedoch die drei Monate Probezeit absitzen, beziehungsweise geschäftig aussehend herumstehen.

Mein nächster Job war derjenige eines rasenden Fotoreporters bei der Photopress AG. Dort erhielt ich am ersten Tag einen VW-Käfer mit Schiebedach, ausgerüstet mit Kleinbild- und Mittelformalkameras sowie dem gesamten Arsenal an Objektiven. Weiter waren im VW geladen ein zusammengelegtes Vergrösserungsgerät, Laborschalen, eine Trockenpresse, einige Entwicklerdosen und Verdunklungsmaterial nebst allen notwendigen Chemikalien und als ganz besonderes Kleinod ein Helle Bildfunkgerät, um Bilder mittels Telefonleitung übertragen zu können.

Lnks: Helle Bildfunkgeräte im Einsatz.  Rechts: Helle Bildfunkgeräte.

Im Auto war zudem ein Ruffunkgerät installiert, das blinkte und klingelte, wenn ich von der Redaktion gewünscht wurde. Ich hatte in solchen Momenten möglichst bald eine Telefonkabine zu suchen und den diensthabenden Programmredakteur anzurufen. Mobile Telefone gab es noch keine.
Wenn keine vorprogrammierten Aufträge zu erledigen waren, musste ich mich periodisch melden und angeben, wo in der Schweiz ich mich gerade befand. An Wochenenden waren die Reporter hingegen immer für Sportanlässe fest eingeteilt. Photopress bediente in der ganzen Schweiz kleinere Zeitungen mit fertigen Nylon-Clichés der aktuellen Fotoarbeiten. Es gab dazu einen A- und einen B-Dienst, damit am gleichen Ort domizilierte Zeitungen nicht dieselben Bilder erhielten. Natürlich wurden für gewisse grössere Verlage zusätzliche Fotos auch in Papierform ausgeliefert.
Als Reporter musste man seine Filme selber entwickeln und danach in die Redaktion bringen. Für die Zeitung «SPORT» gab es ein separates Setting. Diese Spezialzeitung erhielt exklusive Bilder, welche nicht in den anderen Diensten auftauchten. Die Reporter hatten dafür nicht nur die Negative zu entwickeln, sondern auch die Prints herzustellen und diese jeweils selber der Sport-Redaktion abzuliefern.

Sportfotografie war erheblich schwieriger als gedacht. Mit hochempfindlichen Filmen an einem Eishockeyspiel zu fotografieren musste erst gelernt werden. Vor Beginn des Spiels machten wir Fotoreporter mit höchst empfindlichem Schwarzweissfilm mit ISO 400/27° Bilder der sich warmlaufenden Spieler mit einer für diesen schnellen Sport möglichen Zeit-Blenden-Kombination, welche noch scharfe Bilder garantierte. Vor dem Spielbeginn wechselten wir diesen Testfilm gegen einen neuen unbelichteten aus und fotografierten mit der gleichen Unterbelichtung das gesamte Spiel. Im Labor schnitten wir dann ein Stück des Testfilms ab und entwickelten dieses Stück in einem empfindlichkeitssteigernden Oberflächenentwickler. War das Resultat noch ungenügend, diente für den nächsten Versuch ein weiteres Stück des Testfilms. So konnten wir die notwendige Entwicklung für den unterbelichteten Film ermitteln und die definitiven Filme des Spiels so verarbeiten. Die 400-ISO-Filme Kodak Tri-X, T-Max 400 und Ilford HP 5 sowie Delta (den es damals noch nicht gab) lassen sich mit dem Schichtoberflächenentwickler Ilford Microphen bei verlängerten Entwicklungszeiten von 16 bis 20 Minuten bei 20° Celsius bis auf eine Empfindlichkeit von ISO 3200/36° steigern. Da sich die Beleuchtungsanlage der Eishockeystadien nicht änderte, kannten wir nach einiger Zeit die Zeit-Blenden-Kombination, den geeigneten Entwickler und dessen empfindlichkeitssteigernde Entwicklungszeit für jedes der Stadien, in denen wir Eishockey fotografierten.

Ebenso schwierig war es, ein Velorennen oder ein Skirennen zu fotografieren, wo so hohe Geschwindigkeiten erreicht werden, dass die Tausendstel-Sekunde der Schlitzverschlüsse (welche ihrerseits ja bis zu 1/30 Sekunde für den Ablauf benötigten) nirgends hinreichten. Man war daher gezwungen, die Kamera mit dem rasenden Motiv mitzuziehen und das brauchte sehr viel Übung. Ich stand deshalb oft tagelang an der Autobahn und übte diese Vorgehensweise vor der Skisaison.

88 Menschen, darunter 56 Gastarbeiter aus Italien, starben, als eine Eislawine am 30. August 1965 auf die Baracken der Mattmark-Baustelle zuhinterst im Walliser Saastal niederging. Ich befand mich zu Hause in der Nähe von Aarau, als ich telefonisch aufgefordert wurde, in der Redaktion des Aargauer Tagblatts eine Postkarte von Mattmark abzuholen und nach Zürich zu bringen. Dort wurde ich vom damaligen Chef sofort gepackt und nach Saas-Grund geschickt mit dem Auftrag, ein Hotelzimmer zu beziehen und eine Telefonleitung für den Bildfunk aufrechtzuerhalten. Ich tat wie befohlen und richtete im Badezimmer auch gleich ein Schwarzweisslabor ein. Danach testete ich die Bildfunkverbindung nach Zürich. Die Helle Bildfunkanlage funktionierte wie folgt: Ein fertiges Schwarzweissprint (es durfte sogar noch feucht sein) wurde auf einen Zylinder aufgespannt. Für die Übertragung drehte sich der Zylinder und innert etwa 10 Minuten lief eine Fotozelle über die ganze Länge des Zylinders. Die Helligkeitswerte des Prints wurden somit schlangenförmig abgetastet und in hörbare Piepstöne unterschiedlicher Frequenzen umgewandelt. Am Empfangsort in Zürich arbeitete eine ähnliche Anlage. Auf dem Zylinder war jedoch ein unbelichtetes Fotopapier aufgespannt. Statt einer Fotozelle wanderte eine kleine Lichtquelle mit Optik schlangenförmig über das Fotopapier und belichtete dieses mit genügender Auflösung. Es gab sogar die Möglichkeit, das übertragene Bild gleichzeitig an eine weitere Empfangsstation weiterzuleiten, beispielsweise an eine von AP (The Associated Press), deren Schweizer Vertretung die Photopress AG war.

Mattmark-Katastrophe 1965

Während den neun Monaten, die ich bei Photopress verbrachte, hatte ich das Bildfunkgerät mehrmals eingesetzt. Zum Beispiel anlässlich eines Flugzeugabsturzes im Mont Blanc Gebiet oder beim Fussball-Messecup Barcelona gegen Basel. Beide Male wurden die übertragenen Bilder von Zürich aus weiterverkauft. Katastrophen bringen den Presseagenturen jeweils die meisten Verkäufe. Im Fall des Flugzeugabsturzes im Mont Blanc Gebiet war die halbe europäische Presse vor Ort. Es herrschte allerdings an der Absturzstelle starker Nebel, sodass sich keiner der Helikopterpiloten traute zu starten. Einen dieser Piloten kannte ich. Mit ihm habe ich einen Flug vereinbart, sobald er starten würde. Wir vereinbarten dazu ein geheimes Zeichen, damit die andere Reportermeute uns nicht folgen könnte. Und tatsächlich, nach bangen Stunden kam das Zeichen und wir beide taten so, als würden wir zur Toilette gehen. Der Start des Hubschraubers gelang und der Pilot fand im Nebel ein Steigloch, welches den Start ermöglichte. Nach kurzer Zeit befanden wir uns über der Absturzstelle. Allerdings waren nur mehr oder weniger schwarze Flugzeugteile im weissen Schnee und auf dem Gletscher zu sehen. Ich fotografierte trotzdem mit eingeschaltetem Kameramotor von allen Seiten aus.

Neben diesen spannenden Highlights war das Fotoreporterleben indessen eher einseitig und nicht übermässig spannend. Ich befürchtete zudem, bei dieser Tätigkeit die professionelle fachfotografische Kunst zu verlernen. Also kündigte ich nach neun Monaten und machte mit selbstständig.
Damit ich die ersten Monate gut überleben konnte, habe ich in der Schlusszeit als Reporter etwas vorgesorgt. So traf ich an einer mehrtägigen Pressefahrt der Migros den Leiter der Klubschulen und spielte mit ihm in Flims Curling. Ich erzählte ihm, dass ich gerne fotografisch unterrichten würde und er empfahl mich bei der Migros Klubschule Zürich, wo man für Laborkurse einen Kursleiter suchte. So habe ich einige Jahre jeweils abends in Zürich unterrichtet und bald sogar vom ursprünglich reinen Schwarzweisslabor abweichend auch zusätzlich erste Farblaborkurse durchgeführt.
An einer schweizerischen Fachausstellung für das Bäckergewerbe traf ich den Inhaber der Zwieback-Fabrik Kuhn in Turgi, den ich von meinem Vater her kannte. Neben Zwieback wurden dort auch Butterli (Butterkekse) hergestellt. Wir sprachen über die geplante neue Werbeaktion und bald hatte ich einen umfassenden Fotoauftrag im Sack.


Mein erstes Studio in Buchs AG

In unserer Wohnung in Buchs bei Aarau, welche wir von meiner Schwiegermutter im Frühjahr 1966 übernehmen durften, richtete ich ein kleines Studio und ein Fotolabor ein. Für den Auswärtseinsatz kaufte ich einen uralten Döschwo (2-CV von Citroën). Zusammen mit den ersten Aufträgen für Zwieback-Kuhn und dem Lehrauftrag an der Klubschule Migros verdiente ich anfänglich genügend für weitere Investitionen und für das Leben mit meiner ersten Frau Idun, welche ebenfalls Fotografin war.
Im Juni 1966 fand in Aarau das 24. Eidgenössische Musikvereinsfest statt. Gut zweihundert Musikgesellschaften traten an zwei Wochenenden auf. Ich besorgte mir die Adressen und für CHF 215 kaufte ich einen Spiritus-Umdrucker und schrieb alle Musikgesellschaften an. Ich bot ihnen an, die Gesellschaft zwischen zwei Auftritten im Freien zu fotografieren. Und ich glaubte es nicht: Das Telefon lief heiss und ich konnte für eine grosse Anzahl von Gesellschaften Aufnahmetermine vereinbaren. Es war eine sehr schweisstreibende Arbeit bei glücklicherweise gutem Wetter. Ich hatte drei verschiedene Aufnahmestandorte gesucht und Idun brachte jeweils die Musikgesellschaften an den Aufnahmeort, wo wir die Musikanten aufstellten und je zwei Aufnahmen im Format 4×5 inch mit der Fachkamera Sinar machten. Zur Identifikation der Gesellschaften machte ich mit jeder Gruppe fortlaufend eine Aufnahme mit der 6×6 cm Rolleiflex.
Bis dahin war ich noch nie am Abend so erschöpft gewesen. Das war eine echt strapaziöse Arbeit. Aber finanziell hat es sich gelohnt. Bei der Vorbereitung wusste ich noch nicht, dass es eigentlich einen offiziellen Fotografen gab. Dieser liess an einer schönen schattigen Stelle in der Stadt eine hölzerne Tribüne aufstellen und hätte daher vermutlich erheblich bessere Aufnahmen als ich gemacht. Hätte. Nur meinten offenbar alle, ich wäre der offizielle Fotograf. Ich weiss nicht, ob der Offizielle überhaupt eine Aufnahme machen konnte.

Um den notwendigen Umsatz aufrecherhalten, begann ich zusätzlich noch Hochzeitsreportagen anzubieten – rund um die Kirche, nach der Kirche oder ganztägige. Um an die Adressen zu kommen, klapperte ich in der Umgebung die «Kästli» ab, die Aushänge der einzelnen Gemeinden, wo damals die geplanten Verehelichungen veröffentlicht wurden. Dieses Akquirierungsverfahren klappte hervorragend und wir erhielten in der Saison viele und ausserhalb der Saison etliche zum Teil umfangreiche Aufträge.
Natürlich entsprach diese Auftragslage nicht unbedingt meinen Träumen, die eher in Richtung Sach-, Werbe- und Modefotografie gingen. Nur, jeder fängt mal klein an…


Studio für Fachfotografie in Oberflachs

Noch im gleichen Jahr ergab sich die Gelegenheit im Schenkenbergertal in Oberflachs bei Schinznach-Dorf ein Bauernhaus zu kaufen. Wir kauften das baufällige Haus und begannen rasch, es so umzubauen, dass neben der Wohnung auch ein Fotolabor und ein Studio Platz fanden. Auftragsmässig konnte ich dadurch etwas expandieren, musste jedoch nach wie vor sehr viel Zeit mit Klinken putzen verbringen und Kunden suchen. Und nach wie vor unterrichtete ich abends an der Klubschule Migros in Zürich und machte auch immer noch Hochzeitsfotografie.
Damals kam ich auch zu einem Fotografen-Lehrling etwa so wie die Jungfrau zum Kind. Ein Verwandter von mir aus Zürich fragte für einen seiner Bekannten. Zuerst musste ich mich natürlich informieren, ob ich überhaupt einen Lehrling ausbilden darf. Das kantonale Amt im Aargau war der Meinung, ich könne und dürfe dies. Also schaute ich mir den Aspiranten Georg Papst näher an. Ich sagte ihm schliesslich zu, mit der nicht ernst gemeinten Bemerkung, er müsse jedoch jeden Samstag die Treppe und den Vorplatz wischen. Bereits am kommenden Montag trat Georg an, in der Hand einen Reisbesen. Anfänglich wohnte und ass Georg bei uns im Haus. Bereits nach wenigen Wochen meldete er sich eines Tages vom Nachtessen ab, er hätte bei einem Fotowettbewerb für Auszubildende bei Kodak Schweiz eine komplette Hasselblad 500 C gewonnen; er müsse deshalb am Nachmittag zur Preisverleihung gehen und die Kamera abholen…

In der finanziell nach wie vor schwierigen Situation verbrachte ich noch einige Zeit, bis ich zur Einsicht kam, ich müsse zum fotografischen Bauchnabel der Schweiz wechseln (Zürich war damals eindeutig der europäische Mittelpunkt der Mode- und Werbefotografie).
Als dann auch noch meine Ehe zu kriseln begann, suchte ich einen neuen Lebensabschnitt in Zürich.

Fisheye-Aufnahme: Vor dem Fotostudio im Bauernhaus
in Oberflachs ca. 1967.


Studio Foto Work Zürich

Ins Gespräch kam ich mit der Werbeagentur Huber Zürich-Wollishofen. Dort wurde zwar kein fotografischer Angestellter gesucht, sondern ein Mieter für das bestehende Fotostudio, das sich im Untergeschoss befand – mit direktem Seezugang. Ich arbeitete dort selbstständig zusammen mit meinem aus Oberflachs mitgenommenen Lehrling Georg. Gelegentlich arbeitete auch die Volontärin Liz mit.

Ein Grundstock an Aufträgen kam automatisch von der Werbeagentur und andere konnte ich ziemlich bequem aquirieren. Huber hatte damals als Kunden Henniez, Verzinkerei Zug, Jura (welche zu jener Zeit noch keine Kaffeemaschinen herstellte, dafür Bügeleisen, Wärmeplatten, Rasierapparate usw.), Humanic-Schuhe und Weine aus Österreich. Neben meinen eigenen Kunden waren die Aufträge dieser grossen Firmen teilweise sehr spannend und sorgten für den nötigen Umsatz.

Natürlich hatte die Arbeit für Werbeagenturen manchmal auch empfindlich böse Nachteile. So wurden zum Beispiel die österreichischen Kunden bei Huber von einem angestellten Werbeberater betreut, welcher plötzlich infolge Streitigkeiten mit dem Inhaber, die Agentur verliess, mitten in einer Auftragsserie die Auftragslage veränderte und die noch nicht verrechneten Arbeiten somit nicht bezahlt wurden.

Besonders fies: Ich hatte für Humanic einen sehr aufwendigen Plakat-Vorschlag als farbige Isohelie erstellt und mehrere mögliche Ausführungsphasen während der Belichtungsarbeit zur Isohelie reproduziert und davon je einen sehr teuren Dye-Transfer-Abzug für die Präsentation erstellen lassen. Jeder dieser Abzüge hatte mehrere hundert Franken gekostet. Besagter Werbeberater hat die Dye-Transfer-Abzüge noch abgeholt und vermutlich zur Präsentation zu Humanic mitgenommen. Von da an war Funkstille. Ein weiterer Bösling aus dem Arsenal der Bösen, der heute hoffentlich ebenfalls in der Hölle schmort.

StudioFotoWork_Mitarbeiter_OKSkurrile Aufnahme mit Belegschaft Studio Foto Work (links und rechts von mir: Liz und Georg)

Aussenaufnahme von Waschmaschinen für Verzinkerei Zug

Links: Kochtöpfe von VZug und rechts: Wärmeplatte von Jura


Fotostudio Badenerstrasse

Viele Jahre später, jedoch noch zur Zeit der analogen Fotografie, eröffnete ich mein nächstes Fotostudio an der Badenerstrasse 808 in Zürich. Mit einigen guten Aufträgen wollte ich damit neben meiner Lehrtätigkeit mit einem kräftigen Bein in der Fotopraxis stehen. Ich betrieb das Studio nahezu immer mit einer Partnerin oder einem Partner, weil ich ja bereits an der Berufsschule ein volles Pensum hatte. Das Studio befand sich in einem Industriegebäude im 1. Stock mit einem Warenlift von der Rampe bis direkt ins Studio. Dieses Fotostudio hatte ich zusätzlich mit einer Schmink- und Umkleidekabine ausgerüstet, weil ich von da an nicht nur Sachfotografie betrieb, sondern auch einige Modekunden mit Katalogaufträgen hatte. Als die Digitalisierung der Fotografie erneut meine volle Aufmerksamkeit erforderte, konnte ich das Studio an meinen letzten Partner Mike Berger verkaufen.

Links: Schminkkabine im Studio Badenerstrasse; Rechts: Mein Lieblingsmodel Luisa Rossi        

 

Staatliche höhere Fachschule für Photographie Köln und Schweizer Meisterprüfung

Einige Jahre nach meinem Lehrabschluss suchte ich mir noch eine weitere Zusatzausbildung im technischen Ingenieursbereich. Es war Ende der 60er Jahre, als ich in Zürich-Wollishofen das Studio Foto Work im Untergeschoss der Werbeagentur Huber betrieb. Eigentlich hatte ich im Sinn, auf der Stufe Universität ein Studium in Fotoingenieurswesen zu absolvieren. Eine Ausbildungsstätte in Europa und erst noch im deutschsprachigen Raum war jedoch nicht zu finden. Die bestehenden Ausbildungsstätten waren nahezu ausschliesslich gestalterischer und/oder handwerklicher Art und unterschieden sich kaum von der mir bekannten Fotoklasse an der Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich. Ich suchte eher eine Institution, in welcher Forschung und tiefschürfende Vorlesungen in hartem fototheoretischem Fotoingenieurswissen geboten wurde. Das schien es jedoch nicht zu geben; in dieser von mir gesuchten Art auch nicht in den Vereinigten Staaten.

An der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich gab es zwar ein bekanntes fotografisches Institut unter der Leitung von Prof. Dr. Franz Tomamichel, jedoch keine Möglichkeit dort Fotografie im Hauptfach zu studieren. Unter Tomamichel war es zwar möglich, an jenem Institut den Beruf des wissenschaftlichen Fotografen (eine Art Lehre, Lehrvertrag mit der ETH) zu erlernen und dabei ein wenig mit der Forschung in Kontakt zu geraten. Natürlich kannte ich Tomamichel persönlich und verkehrte oft im fotografischen Institut. Zudem besuchte ich möglichst sämtliche öffentlichen Vorlesungen, welche von diesem Institut angeboten wurden.

Fündig wurde ich schliesslich mit der Staatlichen höheren Fachschule in Köln, welche 1954 durch die Initiative der aufstrebenden deutschen Fotoindustrie entstanden ist. Die Fachschule hatte keinen universitären Status, sondern war eine Fachhochschule – oder wie man damals sagte – eine Ingenieursschule. 1971 ging die Schule dann als Institut für Medien und Fototechnik an die Technische Hochschule (TH) Köln.

Es gelang mir kurz vor dem Übergang als Institut der TH Köln, ein Sondersetting in dieser damals noch bestehenden Fachhochschule zu besuchen, wobei man mir sehr weit entgegenkam, sodass ich im Studio Foto Work in Zürich mit zusätzlicher Hilfe als Pendler die Rosinen immer noch fotografieren konnte. Als bereits ausserordentlich gut ausgebildeter und tätiger Werbe- und Modefotograf benötigte ich keine Praxisausbildung in Fotografie und Labortechnik mehr. Dieser Bereich hatte in der Fachschule in Köln jedoch sehr grosse Bedeutung. Dagegen interessierte mich die wissenschaftliche Basis der Fotografie, welche in Form von Unterrichtseinheiten und Vorlesungen sowie Seminarien vorwiegend innerhalb der letzten Semestern angeboten wurde.
Meine Diplomarbeit befasste sich mit der Gradationsbeeinflussung von analogen Silberhalogenidschichten durch unterschwellige Vorbelichtung. Ein kurzes Praktikum absolvierte ich bei Agfa. Eingeteilt war ich dort in der Gruppe für die Farbkupplerweiterentwicklung. Wir arbeiteten damals an der Verbesserung der Farbkuppler für den chromogenen Schichtfarbstoff Magenta. Dazu muss man etwas über die Schwierigkeiten wissen. Es geht bei der Farbstoffbildung darum, farblose Farbkuppler zu finden, welche bei der Farbentwicklung durch die entstehenden Oxydationsprodukte in den drei Farbstoffschichten mit ein und demselben Oxydationsprodukt drei genau definierte Farbstoffe entstehen lassen. Dass dies nicht ganz so einfach ist, illustriert die Entwicklungsgeschichte von Kodachrome, bei welcher Kodak den Farbteil durch drei Umkehrbelichtungen in Blau, Grün und Rot sowie drei nacheinander folgenden Farbentwicklungen ersetzte, um als erste 1935 auf den Markt gelangen zu können. Bei Agfa arbeitete man beim Farbdiafilm Agfachrome noch viele Jahre nach der Markteinführung an der Verbesserung der Schichtfarbstoffe. Insbesondere Magenta und Cyan waren durch diese Methode schwer in der perfekten Reinheit zu erreichen. Jede Verbesserung wurde in der Regel kurz nach Freigabe in die laufende Produktion eingearbeitet.


Nachdem ich die Leitung von Studio Foto Work an der Seestrasse in Zürich wieder vollständig übernehmen konnte, machte ich in der Schweiz die Meisterprüfung als Fotograf und darf seit dann den Berufstitel eidg. dipl. Fotograf tragen. Diese höhere Berufsprüfung wurde damals alle drei Jahre durchgeführt. Meisterprüflinge mit der besten Note erhielten einen vom Schweizer Photographenverband gestifteten Wanderpreis. Ich hatte das Glück und das Wissen, um die beste Prüfung zu machen und erhielt den Wanderpreis.

Jost mit Wanderpreis, fotografiert vom damaligen Lehrling Georg Papst 1972.

Bis dahin war es eigentlich Vorschrift, dass nur Fotografen, welche die Meisterprüfung absolviert hatten, Lehrlinge ausbilden durften. Diese Vorschrift wurde jedoch – vor allem in Zürich – verwässert, weil bekannte Mode- und Werbefotografen, welche auch international sehr erfolgreich waren, meistens keine Meisterprüfung hatten, aber trotzdem für die Lehrlingsausbildung prädestiniert erschienen. Nachdem das Lehrlingsreglement für Fotografen kurz danach auf die vierjährige Lehre erweitert wurde, verzichtete der Verband und die Eidgenossenschaft auf die Durchführung von Meisterprüfungen in diesem Gewerbe.


36 Jahre Fotografie-Fachlehrer an der Zürcher Berufsschule: Von 1973 bis 2009

Hinweis zu den Voraussetzungen, um als Berufsfachlehrperson an einer Berufsschule Fachunterricht erteilen zu können:
Mein hier geschilderter Weg zum Berufsschullehrer ist nicht eigentlich typisch. Oft wurden und werden auch heute noch anerkannte Berufspersonen, welche einen sehr guten Berufsrucksack tragen und eine gute Weiterbildung aufweisen können, bei Bedarf für einzelne Lektionsbereiche an eine Berufsschule geholt, weil man entsprechenden Bedarf hat. Stellt sich dann heraus, dass dies eine gute Wahl war, legt man der Kandidatin, dem Kandidaten nahe, ein Studium am Schweizerischen Berufspädagogischen Institut zu absolvieren. Zu meiner Zeit war es einzelnen Kandidaten noch möglich, dies berufsbegleitend in einem regionalen Pädagogikkurs jeweils freitags und samstags oder auch nur samstags zu besuchen. Ich hatte das Glück, diesen Weg beschreiten zu dürfen.
Nach der Meisterprüfung überlegte ich mir, ich wäre nun ideal geeignet, Fotografie im professionellen Bereich zu unterrichten. Kaum gedacht, erhielt ich einen Telefonanruf von einem gewissen Max Caflisch. Caflisch war einerseits ein begnadeter Typograf und andrerseits Abteilungsleiter an der Lehrlingsabteilung der Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich. An dieser Lehrlingsabteilung wurde der Berufskundeunterricht für die Lehrlinge der gestalterischen und drucktechnischen Berufe, sowie der Maler und Wagenlackierer durchgeführt. Neben der Lehrlingsabteilung führte die Kunstgewerbeschule auch den gestalterischen Vorkurs sowie Fachklassen für Fotografie, Grafik und eine Modeklasse. Bei diesen Fachklassen hatten die Absolventen einen Lehrvertrag mit der Schule und wurden dort in Vollzeit mit theoretischen, gestalterischen und handwerklichen Grundlagen vertraut gemacht. Neben einer schulinternen Diplomarbeit hatten sie jedoch auch die Lehrabschlussprüfung (heute QV), gleich wie die Lehrlinge zu absolvieren.

Mein Gespräch mit Caflisch verlief so, wie ich es mir nicht besser hätte vorstellen können: In den Herbstferien ist der bisherige Hauptlehrer für Fotografie in der Lehrlingsabteilung unerwartet verstorben und der Unterricht würde aktuell von Fotografen aus mehreren Betrieben aufrechterhalten. Man möchte jedoch wieder einen Hauptlehrer als Fotolehrer. Und so wurde ich zum Frühjahres-Schulbeginn angestellt. Allerdings vorerst nur semesterweise als sogenannter «Hilfslehrer», etwas später dann als auf jeweils vier Jahre gewählter Berufsschullehrer mit einem reduzierten Pensum. Einerseits wollte man die bestehenden Lehrer nicht entlassen, andrerseits sollte ich alle neu eintretenden Klassen erhalten. Das waren eine Fotografenklasse sowie drei Fotolaborantenklassen (später hiess letztgenannter Beruf Fotofach-Angestellte/r und noch später dann Foto-Fachfrau bzw. Foto-Fachmann).
Einer meiner Experten an der Meisterprüfung, Josef Scherrer, der einen Teil des Fotografen- und Fotofach-Angestelltenunterrichts nach dem Tod des Klassenlehrers betreute, hatte mich bei Caflisch empfohlen. 

Im ersten Jahr hatte ich daher nur ein Teilpensum, das einerseits zu gross war, um nebenbei noch das Studio Foto Work zu leiten und andrerseits aber zu wenig Lohn einbrachte, um das Leben zu fristen.
Ich beendete daher meine Tätigkeit bei Studio Foto Work und reaktivierte die Abend-Laborkurse an der Klubschule Migros. Dort führte ich auch die allerersten Farblaborkurse an Wochenenden durch. Zudem fuhr ich zweimal wöchentlich spätnachmittags nach Bern und leitete Abendkurse an der dortigen Kunstgewerbeschule. Mit dem letzten Zug kehrte ich jeweils wieder nach Zürich zurück. Und schliesslich liess ich mich von Agfa-Gevaert in Dübendorf mit einem halben Pensum beim technischen Dienst anstellen.

Im technischen Dienst von Agfa-Gevaert hatte ich insbesondere Reklamationen zu bearbeiten. Im Jahr 1973 waren dies meistens Audiokassetten, bei denen das Band falsch lief oder verklemmt war. Obwohl es sich dabei meistens um Fehler bei den billigen Kassettenrecordern handelte, wurden diese aus Kulanzgründen immer ersetzt. Auch bei den Röntgenfilmen gab es Reklamationen, weil diese angeblich verschleiert waren. Auch hier wurde das Material ersetzt, allerdings mit einer auf den speziellen Fall bezogenen Information. Meine Aufgabe war es auch, im Lager fehlerhafte Emulsionen von Farbnegativ- und Farbumkehrmaterialien zu sperren. Die Lagermitarbeiter sahen das nicht gerne, wenn da einer im weissen Kittel kam und mehrere Laufmeter des Lagerregals oder des Kühlraums sperrte. Die Mitarbeiter betrachteten dies als persönlichen Affront, konnten sie doch dadurch die Bestellungen nicht ausführen.

Im Zug und in den Nächten arbeitete ich an neuen Ausbildungslehrgängen für die Fotoberufe in Zürich, denn es hatte dort weniger als nichts, was ich hätte übernehmen können. Mit einer Kugelkopfschreibmaschine und mit einem Wachsmatrizen-Kugelstift schrieb und zeichnete ich auf Wachsmatrizen, wofür in der Schule eine leistungsfähige Vervielfältigungsmaschine zur Verfügung stand. Xerografische Fotokopieranlagen für den Büro- oder Schulbereich gab es damals noch keine!
Man kann sich vorstellen, dass dies alles für mich ein extrem arbeitsintensives Jahr war. Aber im Alter von knapp 30 Jahren war ich dazu offensichtlich leistungsmässig in der Lage. Ab dem zweiten Jahr, immer noch als Hilfslehrer, hatte ich dann mit den mir zugewiesenen Fotoberufen ein volles Pensum und verdiente dadurch auch genug, sodass ich die zusätzlichen Tätigkeiten in Bern und Dübendorf beenden konnte. Einige Abendkurse bei der Migros Klubschule behielt ich jedoch noch eine gewisse Zeit.

Ich war nicht der einzige junge Fachlehrer an der damaligen Lehrlingsabteilung der Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich. Im Fachbereich Typografie war Jürg Fritzsche tätig. Fritzsche und ich galten in den Augen unserer Lehrerkollegen als Protogées von Abteilungsleiter Max Caflisch. Und tatsächlich, wir beide wurden gefördert, wo es nur ging. Caflisch honorierte damit ganz offensichtlich unseren jugendlichen Tatendrang.

Viele Jahre später, wir waren bereits kantonalisiert und die Digitalisierung in vollem Gang, musste ich das jeweils eingegebene Jahresbudget vor einer kantonalen Kommission verteidigen, als wäre es für mich persönlich. Das ging einige Jahre so, bis der Rektor der Berufsschule für Weiterbildung fragte, wieso ich so streng behandelt wurde. Der Marchesi hätte ja jetzt etliche Jahre bewiesen, dass er fähig sei, das korrekte Material für den Unterricht zu beschaffen, man möge doch nun endlich diesem Mann vertrauen. Eigentlich meinten das alle. Nur ausgesprochen hatte es vorher niemand.

Ein unerwartetes Problem

Ich hatte also in meinem ersten Schuljahr an der Lehrlingsabteilung der Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich ein sehr hohes Arbeitspensum. Mein Unterricht war jedoch allseitig sehr akzeptiert. Die Schulleitung, die Lehrmeister und die Auszubildenden (wie man heute die Lehrlinge geschlechterneutral zu bezeichnen hat) waren mit meinen weiterführenden Unterrichtsinhalten (sehr weit über das alte ursprüngliche Ausbildungsreglement hinausführend) und meiner Unterrichtsmethodik und -didaktik offensichtlich sehr zufrieden.

Trotzdem ergab sich ein unerwartetes Problem, das nichts mit der Qualität des Unterrichts zu tun hatte:
In meiner ersten Fotografenklasse hatte es einige äusserst interessante Schülerinnen und Schüler. Da war zum Beispiel Raymond Meier (damals noch Remo). Er hatte eine sehr gute Lehrstelle, aber bereits kurz nach Lehrbeginn nahm seine Mutter mit mir Kontakt auf. Die vermeintlich gute Lehrstelle war zwar fotografisch über alle Zweifel erhaben, jedoch nicht in menschlicher Hinsicht. Es gäbe Tage, da würde der Morgengruss von Remo durch den Lehrmeister nicht einmal erwidert, worunter er sehr leide. Ich sorgte dafür, dass Remo eine andere Lehrstelle fand, wo er auch menschlich anständig behandelt wurde.

Nach Lehrende hatte Remo Meier zusammen mit einem anderen Schulabsolventen seiner Klasse in Zürich ein Fotostudio eröffnet und wenige Jahre danach (1986) ist er nach New York ausgewandert und hat dort ein grosses  und erfolgreiches Studio eröffnet und zur Hochblüte gebracht. Er wurde sehr bekannt als einer jener europäischen Fotografen, welche moderne und hochexklusive Werbe- und Modefotografie im amerikanischen Umfeld eingeführt haben.

Raymondmeier.com: In 1986, he moved his studio to New York City where he has been a major influencer upon publications at points of innovative change including Harper’s Bazaar, Vogue, and The New York Times. Meier’s long lasting relationships with major fashion, jewelry and cosmetic brands have shaped their visual identities for three decades. Throughout his career, he has also been dedicated to an independent photographic practice. With his intense understanding and constant experimentation with the properties of analog and digital photography, Meier articulates the complexity and subtleties of the medium. 

Deutsche Übersetzung:
Raymondmeier.com: 1986 verlegte er sein Studio nach New York City, wo er seitdem einen grossen Einfluss auf Publikationen wie Harper’s Bazaar, Vogue und The New York Times hat, die sich in einer Phase innovativer Veränderungen befinden. Meiers langjährige Beziehungen zu grossen Mode-, Schmuck- und Kosmetikmarken haben deren visuelle Identität drei Jahrzehnte lang geprägt. Während seiner gesamten Karriere widmete er sich auch der unabhängigen Fotografie. Mit seinem tiefen Verständnis und seinem ständigen Experimentieren mit den Eigenschaften der analogen und digitalen Fotografie bringt Meier die Komplexität und Feinheiten dieses Mediums zum Ausdruck.

Neben anderen spannenden Absolventen ist mir eine weitere Schülerin in jener Klasse sehr schnell aufgefallen, Christiane Kleiber. Sie fiel mir nicht nur durch eine rasche Auffassungsgabe mit hochentwickelter Intelligenz auf, sondern auch durch ihre erstaunliche Multitaskingfähigkeit, welche es ihr ermöglichte, in kurzer Zeit mehrere Problembereiche einer raschen Lösung zuzuführen.

Wir hatten damals noch Frühlingsschulbeginn. Im Laufe des Dezembers kamen die beiden gerade erwähnten Auszubildende zu mir und erzählten von einem Filmprojekt, das sie mit weiteren Lehrlingen in den Weihnachtsferien in San Remo realisieren möchten. In San Remo würde ihnen dazu ein Ferienhaus zur Verfügung gestellt. Jetzt bräuchten sie nur noch ein Auto und da ich einen VW-Bus besass, wollten sie fragen, ob ich ihnen diesen ausleihen würde. Das konnte ich leider nicht, weil ich kein anderes Fahrzeug zur Verfügung hatte. Ich bot hingegen an, dass ich sie gerne mit dem VW-Bus begleiten würde. In der Folge gab es dann einige Sitzungen in der Bodega-Bar, an denen ich ebenfalls teilnahm und so das Projekt kennen lernte. In San Remo wirkte ich sogar als Darsteller am Film mit und später half ich bei der Entwicklung des Rohfilmmaterials. Mein Vater hat dazu extra aus PVC die entsprechenden runden Wannen schweissen lassen, in welche die vorhandenen 15-m-Spiralkörbe passten.

Nach der letzten Sitzung kurz vor Weihnachten brachte ich Christiane nach Hause. Bei der Verabschiedung fiel sie mir um den Hals und wir küssten uns. Bereits einige Tage später, als ich sie als erste von zu Hause abholte, um dann die anderen Teilnehmer einzusammeln, waren wir bereits ein Paar. Nach diesem Arbeitslager blieben wir zusammen und Christiane übernachtete dann oft bei mir in meiner kleinen Einzimmerwohnung in Seebach. Wir waren uns damals nicht bewusst, etwas Schändliches getan zu haben. Obwohl Christiane noch nicht volljährig war (das wurde man damals erst mit 20), hatten die Eltern erstaunlich wenig gegen unsere Verbindung einzuwenden. Zwar schlug der Vater vor, Christiane solle den Rest ihrer Lehrzeit irgendwo im Welschland beendigen. Der Familienrat hat dies allerdings verworfen, denn das hätte bedeutet, eine ausgezeichnete Lehrstelle in Zürich gegen eine unbekannte in der französischen Schweiz auszutauschen. So blieb also alles, wie es war. Beide Eltern waren Akademiker und das Fachgebiet des Vaters (Elektroingenieurwesen) führte zu einer intensiven Zusammenarbeit mit der Tätigkeit von Tochter und zukünftigem Schwiegersohn.

Bei gutem Wetter kam Christiane oft über Mittag zu mir in die Schule und brachte einen Lunch mit, den wir dann im benachbarten Platzspitzpark assen. Wir waren uns absolut keines Vergehens bewusst. Es war Anfang der siebziger Jahre und diese gehörten aus heutiger Sicht gesehen vermutlich zur freiesten Zeit jenes und des laufenden Jahrhunderts. Es kam uns nicht im Traum in den Sinn, dass es sich um ein Verhältnis mit einer Minderjährigen in Abhängigkeit handeln könnte.

Natürlich kam es dann doch so, wie es kommen musste. Eines Mittags kam bei Schulschluss der Abteilungsleiter Max Caflisch vorbei und konfrontierte mich mit dieser Tatsache. Da hatte offenbar ein lieber Lehrerkollege getratscht. Ich wurde jedoch nicht freigestellt, denn Caflisch wollte mich ganz offensichtlich nicht verlieren. Zu Hause besprachen wir die Geschichte mit Christianes Eltern und Geschwistern. Es folgte ein Telefongespräch zwischen meiner späteren Schwiegermutter und dem Schulvorstand der Stadt Zürich. Dieser gab vorerst Entwarnung, solches geschehe gelegentlich mal an der Töchti. Das war das nur für Mädchen zugängliche Gymnasium der Stadt Zürich. Dessen ungeachtet hatte Caflisch bereits eine Lösung parat: Christiane sollte nach den Frühlingsferien nach Luzern in die Berufsschule. Damit sei der Ethik Genüge getan.

Der eigentliche Irrsinn folgte wenige Tage danach: Ich erhielt von der Berufsschule Luzern einen Telefonanruf in welchem ich angefragt wurde, ob ich nicht jeweils am Freitag die Fotografen in Luzern unterrichten könnte…

Als ich ablehnte und den Grund dafür nannte, lachte die Gegenseite. Man sei in Luzern und doch nicht im zwinglianischen Zürich, derart idiotische Gründe gäbe es in der weltoffenen Innerschweiz selbstverständlich nicht…
Und so kam es, dass ich Christiane weiterhin unterrichtete, einfach an einem anderen Schulort (für welchen die Stadt Zürich das Schulgeld zu entrichten hatte). Bis zum Lehrabschluss fuhren wir so noch zwei Jahre miteinander nach Luzern in die Berufsschule. Um allfälligen späteren Aktionen irgendwelcher Böslinge frühzeitig einen Riegel zu schieben, heirateten wir jedoch im Oktober jenes Jahres 1974. Dazu musste Christiane allerdings vom Regierungsrat des Kantons Zürich zuerst als volljährig erklärt werden. Was erstaunlicherweise überhaupt kein Problem war.

Im gleichen Jahr begann ich in Zürich meine eingangs erwähnte regionale, berufsbegleitende Methodikausbildung.

Öffentlicher Vortrag

Der Zürcher Fotografenverband hat in Zürich einen Vortrag mit mir als Referenten organisiert. Als neuer Lehrer in der Fotografieausbildung sollte ich mich öffentlich bewähren, war wohl die Meinung. Ich sollte anhand von Dias einen Querschnitt über die damals rund 135 Jahre Fotografiegeschichte aufzeigen. Ich tat mich schwer mit der Bildauswahl und vor allem mit dem Manuskript des Vortrags.

Aber schliesslich stand ich eines Abends am Rednerpult, neben mir ein Kodak Caroussel, gefüllt mit bekannten und weniger bekannten Arbeiten aus der Geschichte der Fotografie und teilweise aus meinem eigenen Archiv über welche ich etwas sagen sollte. Ich konnte kaum denken, so nervös war ich.

Die ersten fünfzig Gäste strömten in den Saal. Dann die nächsten und dann nochmals hundert – bis die Feuerpolizei die Eingänge schloss. Der Verbandspräsident stellte mich vor und übergab mir das Wort.
Nach einigen Gemeinplätzen wurde mein Gehirn immer klarer und ich erkannte, dass mein Manuskript soeben zur Makulatur geworden ist. Ich begann frei zu reden und erzählte, wie fotografische Bilder entstehen:

Nämlich nicht unbedingt in der Kamera. Nein! Bilder entstehen im Kopf! Eine Kamera ist dazu eigentlich nicht notwendig. Ist das Bild im Kopf entstanden, muss es ja auch nicht mehr unbedingt mit einer Kamera erfasst werden. Es ist ja bereits irgendwie da. Die Kamera ist in der Fotografie das unwichtigste Gerät und dient einzig und allein dazu, das Kopfbild für andere sichtbar zu machen. Mehr nicht – weniger jedoch auch nicht. Diese Überlegung kennen übrigens alle meine bisherigen Schüler. Anfänglich haben einige darüber gelacht. Mit der Zeit wurde der Ausspruch zum Credo.

Die Überlegung, wie ein Sujet zu erfassen sei, hat zuerst einmal überhaupt nichts mit einem technischen Gerät, wie einer Kamera zu tun. Es handelt sich in allererster Linie um eine perspektivische Überlegung: Um ein Sujet korrekt als Bild zu sehen, muss es in einer Perspektive gesehen und schliesslich (z.B. mit einer Kamera) erfasst werden, welche der Betrachtungsperspektive entspricht. Mit anderen, einfacheren Worten: Die Proportionen eines Gegenstandes muss man so erfassen, dass diese auf dem Bild für den Betrachter in gleicher Weise wahrgenommen werden. Das geschieht unabhängig von der gerade aktuellen Kameratechnologie.

Für Stilllife-Fotografen heisst das zum Beispiel, sie können ein und dieselbe Kaffeemaschine für den Auftraggeber mehrfach fotografieren und drei Bilder verkaufen, einmal für das grosse Weltplakat, einmal für einen Bildaufhänger im Verkaufsgeschäft und schliesslich für ein ganzseitiges Inserat in einer Zeitschrift.

Weshalb? 

Diese drei Bilder werden aus drei verschiedenen Abständen betrachtet. Es handelt sich daher um drei verschiedene Betrachtungsdistanzen. Und jede davon verlangt auf der Aufnahmeseite eine andere Aufnahmeperspektive. Die Verhältnisse Abbildungsgrösse zu Betrachtungsdistanz müssen sich gleich verhalten wie die Gegenstandsgrösse zur Aufnahmedistanz. Keine Hexerei, nur ein wenig Mathematik.

Wenn möglich, sollten Fotografierende dies bei der Wahl ihrer Aufnahmedistanz berücksichtigen. Kennt man den Verwendungszweck des Bildes, ist die Betrachtungsperspektive bekannt. Weil die Aufnahmeperspektive gleich sein muss und die Grösse des Sujets bekannt ist, lässt sich die notwendige Aufnahmedistanz errechnen. Im Studio bedeutet dies, das gestaltete Arrangement muss sich vom Objektiv des Fotoapparats (oder vom Auge des Bildgestalters) so und so weit entfernt befinden. Ohne auf die Mattscheibe oder den Sucher zu blicken, wird das Arrangement gestalterisch perfekt arrangiert und beleuchtet. Wir nannten dies in der hohen Zeit der Stilllife-Fotografie «Licht machen» was etwas ganz anderes ist als «hell machen»!

Die Gestaltung ohne Durchblick mit der Kamera ist besser als mit der Kamera, denn das menschliche Auge sieht ohne Störung durch einen begrenzenden Sucher besser.

Weil unsere Bilder jedoch in einen Rahmen passen müssen, habe ich den Begriff der «goldenen Kamera» geprägt. Dies ist ein einfacher Ausschnittsrahmen aus schwarzer Pappe. Hält man diese «goldene Kamera» vor ein Auge, sieht man die Begrenzung des Aufnahmeformats. Bei gleichbleibender Distanz zwischen Ausschnittsmaske und Auge kann man das Sujet näher oder weiter entfernt betrachten (entspricht der Aufnahmedistanz), näher oder weiter vom Auge entfernt platzieren (entspricht der Objektivbrennweite) oder von der Senkrechten wegschwenken (entspricht einer Schwenkung der Bildstandarte). Wie Sie sehen, die «goldene Kamera» enthält alle Funktionen einer teuren Fachkamera…

Entspricht ein fotografisches Bild diesen Perspektivregeln, ist es bereits ohne weitere Argumente gut bis sehr gut. In meinem erwähnten Vortrag konnte ich diese Regel verständlich erläutern und es wurde den meisten Zuschauern klar, auf was es wirklich ankommt. Dies und auch weil der eine oder andere Profi rasch erkannt hat, dass sich mit der richtigen Argumentation manches Stilllife mit unterschiedlicher Aufnahmedistanz mehrfach verkaufen lässt. Natürlich wird das betreffende Sujet durch Anpassung der Brennweite (welche ihrerseits bekanntlich keinerlei Einfluss auf die Perspektive ausübt) in verlangter Grösse dargestellt. Auch dies lässt sich mit der Ausschnittsmaske ganz einfach erklären. Womit dem Credo, nachdem die Kamera das unwichtigste Gerät in der Fotografie sei, Gerechtigkeit widerfährt.

Nachdem ich den Vortrag beendet hatte, war es einige Sekunden lang völlig still und dann brach eine Standing Ovation aus. Und ich wusste, ich hatte gewonnen. Nie mehr traute sich jemand in den folgenden Jahren mir in fotografischen Belangen zu widersprechen.

Noch einmal, viele, viele Jahre später, im Jahr 1985, wurde ich nach Berlin ins Kongresszentrum eingeladen. Es fand ein Kongress statt und ich sollte auch da im Rahmenprogramm einen Vortrag über die nunmehr gut 146 Jahre alte Fotografie halten. Was lag näher, als den früheren Vortrag aus Zürich weiterzuentwickeln und neu zu halten? Der Unterschied zu Zürich: Das Kongresshaus nahm 5000 Zuschauer auf und ich war trotzdem erheblich weniger nervös.

Die Standing Ovation war im Vergleich zu Zürich infolge der viel höheren Anzahl der Zuhörer und meines in der Zwischenzeit viel grösseren Bekanntheitsgrads deutlich lauter. Obwohl es sich hier nicht um fotografische Profis gehandelt hatte, war die Begeisterung ähnlich hoch.

Fotostudio in Leutschenbach

Nach dem erfolgreichen Lehrabschluss von Christiane eröffneten wir für ein paar Jahre in einer ehemaligen Baubaracke (Aufenthaltsraum für die Bauarbeiter während des Baus der Fernsehstudios) im Leutschenbach ein Fotostudio. Dadurch blieb ich auch dann noch mit einem Bein in der fotografischen Praxis.

Erholung in Südfrankreich

Ab etwa 1975 suchten wir in Südfrankreich am Strand der Camarque jeweils in den Sommerferien die bei unserem Arbeitstempo zwischen den Ferien notwendige Erholung. Solange die Schule noch bei der Stadt Zürich war, dauerten die Sommerferien sechs Wochen. So fuhren Christiane und ich einige Sommer mit dem VW-Bus an den Camarque-Strand, anfänglich bei Saintes Maries und später, als jener Strandabschnitt zum Befahren geschlossen wurde, weiter ostwärts auf den Plage d’Arles. Es handelte sich dabei um einen mehrere hundert Meter breiten, flachen Sandstrand zwischen dem Meer und den Dünen und Étangs auf der Landseite. Der Strandabschnitt liess sich über einen Damm von Salin de Giraud aus auf einer Sandpiste relativ problemlos befahren.

Meistens kamen wir in der Nacht oder am sehr frühen Morgen dort an. Bis es hell wurde, schliefen wir im VW-Bus. Danach suchten wir unseren Stellplatz. Idealerweise war dies eine Sandbankerhöhung von rund 30 cm über dem sonst flachen Strandabschnitt in einer Distanz von 20 bis 50 m zum Meer. Sobald dieser Platz gefunden war, stellte sich Christiane als Visiermarke darauf, während ich von der harten Piste aus den VW-Bus mit hoher Geschwindigkeit in Richtung «Visiermarke» bewegte und mit etwas Glück jeweils auf dieser Erhöhung landete. Natürlich hätten wir den VW-Bus von dieser Sandbank nie mehr ohne Hilfe eines Traktors wegbewegen können. Aus diesem Grund führten wir auf dem Dach eine genügende Anzahl Sandbleche mit. Um den VW-Bus anzuheben, diente uns ein Bull-Bag. Dabei handelte es sich um einen äusserst stabilen, grossen Luftsack mit einem Anschlussschlauch für den Auspuff. Wir legten also den Bull-Bag unter eine Seite des VW-Busses und zogen den Schlauch über den Auspuff. Durch Gas geben, strömte das Abgas in den Sack und hob das Fahrzeug weit genug hoch, sodass auf einer Seite Vorder- und Hinterrad völlig freikamen. Wir konnten daher unter jedes Rad ein Sandblech legen und nach dem Absenken des Wagens die Distanz zwischen diesen beiden Blechen mit einem weiteren Blech überbrücken. Durch das Öffnen des Auslassventils senkte sich das Fahrzeug sanft und beide Räder standen auf den Sandblechen. Anschliessend wiederholten wir das Prozedere mit der anderen Fahrzeugseite. Somit hatten wir auf jeder Seite drei Stück 2 m lange Sandbleche gelegt und verstrebt. Beim Wegfahren nach sechs Wochen standen daher auf jeder Seite 6 m Bleche zur Verfügung, welche durch fahrtechnisches Können und Verschieben des jeweils hintersten Sandblechs nach vorne das Herausfahren zurück auf die harte Piste erlaubte. Ganz einfach war das nicht und lockte, wie auch beim Aufstellen des Camps, einige Zuschauer an, die ihren Augen nicht trauten.

Für andere Wild-Campierer war bereits das Aufstellen sechs Wochen zuvor ein besonderes Schauspiel gewesen. Wenn das Platzieren schliesslich gelang, erhielten wir jedes Mal einen gutmeinenden Applaus.

Das waagrechte Stehen des VW-Busses auf einer Sanderhöhung war allerdings erst der Anfang. Als nächstes musste das Vorzelt montiert werden sowie Windschutzstoffe auf der anderen Fahrzeugseite. Denn der warme, trockene Nordwind, der Mistral hätte sonst unter dem Fahrzeug eine Düsenentwicklung gefördert und die Sandbankerhöhung abgetragen. Es gab jedoch nicht nur den Mistral. Bei gegenteiliger Wetterlage blies der Wind vom Meer her auflandig. Daher mussten auch auf dieser Seite sehr stabile Windschutzeinrichtungen montiert werden. Wir verwendeten dazu stabile Bahnen aus Sackleinen. Alle 50 cm hat Christiane in diese Stoffe eine durchgehende Lasche genäht, in welche gespitzte Besenstile passten, die wir in den Sand einschlugen. Mit zusätzlichen Sandanhäufungen konnte diese Windschutzeinrichtung stabil aufgebaut werden. So eingerichtet liessen sich selbst einige Tage Mistral unbeschadet überstehen.

Vormittagswurde es natürlich eher heiss, jedoch etwa ab Mittag durch den kühleren auflandigen Meerwind war die gefühlte Temperatur sehr angenehm. Damit wir keinen Generator betreiben mussten, diente uns als Kühlschrank eine grosse Holzkiste, die innen dick mit Styropor ausgeschlagen und aussen mit Reflexfolie bespannt war. Diese Kiste wurde im Sand so weit vergraben, dass nur noch der beschattete Deckel sichtbar war. Einmal pro Woche gaben wir einen halben Eisbalken in diese Kiste. Dieser kühlte genügend, um Butter und Käse sowie den Champagner frisch zu halten. Früchte und Gemüse sowie Brot kauften wir frisch von fliegenden Händlern, welche täglich vorbeikamen.

Sobald unser Camp eingerichtet war, mieteten wir jeweils ein kleines Auto, damit wir einerseits einkaufen und andrerseits Exkursionen zu den vielen schönen Städten und kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten machen konnten.

Gelegentlich gab es Überschwemmungen des Strandes, entweder kamen die Wellen des Meeres höher zum Strand oder bei sehr starkem Mistral wurde Wasser aus den Étangs, also vom Landesinnern auf den Strand gespült. Durch unseren leicht erhöhten Standplatz kam das Wasser allerdings in all den Jahren nie höher als bis zu den Reifen des VW-Busses. Wir konnten daher beruhigt im VW-Bus warten, während rund um uns herum grosse Hektik bei den anderen Campern ausbrach. Nach solchen Überschwemmungen war der Strand jeweils leer und ausser uns kein einziges Zelt und kein Camper mehr zu sehen.

Jürgen und Petra Görg

Eines frühen Abends kamen erste Wellen vom Meer her weiter auf den Strand. Die Camper versuchten Sandwälle aufzuschütten, damit das Wasser nicht in ihre Zelte einfloss. Aus langer Erfahrung wussten wir, dass dies selten ein erfolgsversprechendes Unterfangen war. Jedoch amüsant zuzuschauen. In unserer Nähe mühte sich ein junges Paar mit einer Kinderschaufel ab. Wir liehen dem Paar unsere grosse Schaufel aus und gaben einige Ratschläge.

Es war der Beginn einer langen Freundschaft mit Jürgen und Petra Görg, welche mit einigen Unterbrüchen bis heute anhält. Manche Sommer trafen wir das Paar wieder in Südfrankreich (wenige Jahre später mit ihrem ersten Kind), gelegentlich besuchten wir die Freunde in Mainz oder sie kamen bei uns in Zürich vorbei. Jürgen studierte in Mainz Kunsterziehung, fiel dann jedoch bald mit seinen teils grossformatigen Lithografien auf, mit denen er Weltruhm erlangte. Es blieb jedoch nicht bei Lithografien. So entstanden und entstehen auch Radierungen und Ölgemälde auf Leinwand und Papier sowie Bronzeskulpturen.

Die grossen, dezent mehrfarbigen Lithografien stellte er in der Steindruckerei Mathieu in Dielsdorf her. Dort hatte es ein kleines Kabäuschen, in welchem die Künstler während der Produktion schlafen konnten. Auch die bekannten Künstler Paul Wunderlich und Bruno Bruni druckten ihre Werke dort. Nachdem ich in Zürich Seebach eine grosse Maisonette-Wohnung mit Gastzimmer bezog, sowie später in meinem Haus in Dällikon ganz in der Nähe hat Jürgen während seiner Steindruckproduktion in Dielsdorf meistens bei mir übernachtet.

In relativer Nähe zur Loreley am Rhein wohnten Jürgen und Petra Görg anfänglich in ihrem Haus in der Ortschaft Benzweiler mit Kunststudio in Boppart am Rhein. Durch gelegentliche Besuche bei Görgs lernte ich die malerischen Sehenswürdigkeiten von Rheinland-Pfalz kennen. Heute verbringen sie die Sommermonaten in ihrem wunderschönen Stadtschloss Château Richelieu in Pineuilh in der Nähe von Bordeaux. 

Gut 50 Jahre später: Besuch 2022 bei Jürgen und Petra Görg in Pineuilh.
Aufnahme: Gian Marchesi

Neues Bildungsreglement

Sehr bald wurde ich in zwei verschiedene Kommissionen berufen. Das alte Berufsbildungsreglement für die dreijährige Lehre als Fotograf sollte sehr dringend vollständig erneuert und erweitert werden. Zwischen dem Schweizer Photographen-Verband und dem Berufsbildungsamt (damals das dem Volksdepartement unterstehende Bundesamt für Industrie Gewerbe und Arbeit, BIGA) bestand bereits eine Arbeitsgruppe, die schon ziemlich viele Grundlagen für die Erweiterung der Ausbildungszeit auf vier Lehrjahre erarbeitet hatte. In diese Arbeitsgruppe wurde ich nun ebenfalls berufen und konnte meine weiterführenden Ideen für eine optimierte Fotografenausbildung einbringen. Zu meinem sehr grossen Erstaunen wurde meine Meinung weitgehend und wohlwollend akzeptiert, und so entstand vergleichsweise rasch ein hochmoderner Bildungsplan, der alle Facetten der modernen Fotografie abdeckte.

Neue Berufsreglemente mussten neben dem Berufsschulunterricht und der praktischen Ausbildung im Lehrbetrieb bereits damals sogenannte Überbetriebliche Kurse (ÜK) enthalten, welche von den Verbänden zu organisieren waren. Für den vergleichsweise kleinen Schweizer Photographen-Verband war die Finanzierung ein Problem, an welchem das neue Bildungsreglement fast gescheitert wäre. Es gab einen interessanten Vorschlag: Der Filmbatzen. Für jeden verkauften Film sollte ein Zuschlag von 10 Rappen zur Finanzierung der ÜKs verlangt werden. Dieses Verlangen zerschlug sich allerdings rasch, weil der deutlich grössere Fotohändlerverband problemlos in der Lage war, seine ÜKs für die Fotofachangestellten (Folgeberuf der Fotolaboranten) zu finanzieren.

Die Inhalte für die vierjährige Fotografenausbildung waren in der Zwischenzeit fertig und weitgehend akzeptiert. Weil nun alles nur noch an der Finanzierung der ÜKs zu zerbrechen drohte, entschied die zuständige Bundesstelle auf die ÜKs bei Fotografen zu verzichten und dafür zwei praktisch zu unterrichtende Fächer, welche nicht alle Lehrbetriebe vermitteln konnten, in den Berufsschulunterricht zu integrieren: Das waren Fachfotografie (Grossformatfotografie und Beleuchtungstechnik) und Farbfotografie (inklusive Farblabortechnik) sollten in je einem Schuljahr mit vier Wochenstunden in der Berufsschule unterrichtet werden. Daraus ergaben sich im 1. und 3. Lehrjahr je zwei Schultage, im 2. und 4. je einen Tag, mit folgenden Fächern:

Originalauszug der Stundetafel aus dem Berufsreglement Fotograf 1977

Damit das Werk am 1. Januar 1978 in Kraft treten konnte, musste es auch von der Fotoschule Vevey in der französischen Übersetzung akzeptiert werden, welche ähnlich strukturiert war wie Zürich mit Lehrlingsklassen und Fachklassen. Zu diesem Zweck fuhr der Zürcher Fotograf Achille B. Weider zusammen mit mir und dem Vertreter des Bundesamts an den Genfersee, um den dortigen Rektor zu überzeugen. Dies gelang anlässlich eines Mittagessens und so wurde das neue Bildungsreglement ab Schuljahresbeginn 1978/79 in Kraft gesetzt. Zürich kannte damals noch den Frühjahres-Schulbeginn, sodass die in jenem Jahr nach Ostern eintretenden Lehrlinge in den Genuss des neuen Bildungsreglements kamen.

So sah ich während meiner ersten Farbkurse aus. Die bekannte Farbtafel von McBeth gab es damals noch nicht.
Wir verwendeten diejenige von Agfa mit den additiven und subtraktiven Grundfarben sowie vier Grauwerten plus weiss und schwarz.


Neues Schulhaus Limmatplatz

Bis zu diesem Zeitpunkt fand der Unterricht für die Drucker- und Druckvorstufenberufe wie Fotografen, Grafiker, Lithografen und Typografen vorwiegend im 4. Stock des alten Kunstgewerbeschulhauses (Bauhausbau) zwischen Ausstellungsstrasse und Limmatstrasse statt. Die Lehrlingsklassen der Fotografen und der damaligen Fotolaboranten waren zusätzlich im 5. Stock untergebracht, in unmittelbarer Nachbarschaft der beiden Fachklassen Fotografie und Mode der Kunstgewerbeschule.

Dabei handelte es sich um ein mehr oder weniger normales, jedoch grosses Unterrichtszimmer, in dessen hinterem Teil Fotolampen und -leuchten auf Stativen sowie eine nach meinem Eintritt neu angeschaffte Studioblitzanlage herumstanden und ein Studio-Kamerastativ. Durch genügend freien Raum war es möglich, ein kleines Fotostudio aufzubauen. Auf der anderen Seite des Schulzimmers war ein schmaler Tageslichtraum mit Wässerungsbecken angeordnet, von dem Lichtschleusen in ein Negativ- und ein Vergrösserungslabor führten. Im Positivlabor standen den Wänden entlang (alte) Vergrösserungsgeräte aller Art ohne spezielle Abtrennungen.

Man kann sich gut vorstellen, wieviel herumstreuendes Licht in dieser Dunkelkammer vorhanden war, wenn mehrere Schüler am Arbeiten waren! Wichtig waren daher Unmengen von schwarzen Tüchern, um damit das von den Lampenköpfen freiwerdende Streulicht abzudichten.

Das Schwarzweiss-Vergrössern funktionierte unter diesen prekären Umständen einigermassen. Aber ich habe ja sehr bald nach Unterrichtsaufnahme mit ersten Farblaborkursen begonnen. Dabei mussten die Lampenköpfe der Geräte besonders gut mit Tüchern abgedeckt werden. Damit der Streulichtanteil im Labor jedoch immer ähnlich war, musste die Belichtung durch alle Kursteilnehmer synchron geschehen. Wenn jeweils alle zur Belichtung der Probe oder der Vergrösserung bereit waren, habe ich oder ein Kursteilnehmer ein Kommando gegeben und alle schalteten die Vergrösserer in einem engen Zeitfenster gleichzeitig ein und aus. Dadurch war während der Belichtung der Proben und der definitiven Vergrösserungen ein immer ähnlicher Streulichtanteil im Labor vorhanden.
So war natürlich kein besonders professionelles Arbeiten möglich. Zudem herrschte auch bei anderen Berufen der Lehrlingsklassen seit Jahren ziemliche Platznot, weshalb die Stadt Zürich an der Ausstellungsstrasse 104 ein neues Hochhaus ausschliesslich für die Berufe der Lehrlingsklassen der Kunstgewerbeschule plante. Natürlich wurde auch ich zur Mitarbeit in jener Baukommission verpflichtet.

Für die Fotoberufe war anfänglich wie bisher lediglich ein Schulzimmer mit integriertem Studio und Labor vorgesehen – also keine wirkliche Verbesserung zum vorherigen Zustand im Bauhausbau. Ich konnte zum Glück die Kommission überzeugen, vorausschauend etwas Besseres zu planen. Dazu war allerdings ein weiteres Stockwerk notwendig, was allgemein verstanden wurde. Und dies, obwohl dadurch die Pumpen für die Schwimmkörper im Fundament einige Jahre länger in Betrieb gehalten werden mussten.
1978 war es so weit. Das achtstöckige Hochhaus am Limmatplatz konnte in Betrieb genommen werden und es nahm nahezu alle Klassen der Lehrlingsabteilung für den Berufskundeunterricht auf. Die Dekorationsgestalter (heute Polydesigner/in 3D) blieben ausserhalb in gemieteten Lokalitäten und der Allgemeinbildende Unterricht für unsere Auszubildenden fand im nahen Schulhaus Konradshof an der Limmatstrasse statt.
Gebaut wurde das Gebäude noch von der Stadt Zürich, zur gleichen Zeit wie der «Fleischkäse» beim Opernhaus. Dies geschah alles noch vor der Kantonalisierung der Berufsschulen 1988, dem Übergang der städtischen Berufsschulen an den Kanton Zürich.
1978 wurde also das neue Schulhaus Limmatplatz eröffnet. Einige wenige Geräte aus der Fotografie des Altbaus wurden gezügelt; das meiste Inventar jedoch neu angeschafft. Während der damals noch sechswöchigen Sommerferien haben mein Fotolehrerkollege Josef Scherrer sowie Christiane und ich alle Räume fertig eingerichtet.

Die nachfolgende Beschreibung bezieht sich auf die ursprüngliche Einrichtung und Aufteilung bis zu meiner Pensionierung 2009. Danach wurde offenbar sehr vieles verändert bzw. verkleinert, weil man meinte, die Fotochemie sei gestorben und man benötige daher keine oder nur noch wenige Labors.

Für die fotografischen Berufe (Fotografen und Fotofachangestellte) war der gesamte 7. Stock vorgesehen. Neben einem Schulzimmer für die Fotofachangestellten waren dort ebenfalls folgende Räume untergebracht:

• Negativlabor mit Hochtanks und Planfilmtanks sowie Entwicklerdosen und insbesondere einer Rotation-Entwicklungsmaschine für die Verarbeitung von Farbnegativ- und Farbumkehrfilmen
• Grosses Fotostudio, unterteilbar mit Vorhängen in drei Arbeitsstudios
• Für jedes dieser Studios ein Studiostativ, Hintergründe und eine (auch optisch) vollständig ausgerüstete, torkelfreie Sinar-p in fahrbaren Kameraschränken, Dauer- und Blitzbelichtungsmesser
• Mehrere Studioblitzanlagen (Generatoren und Kompaktblitzanlagen) mit Leuchten und Lichtformern, auch mit Grossflächenleuchten, Foba-Lampen, Fobarohren und ein durchleuchtbarer Aufnahmetisch

Vom Studio aus führte den Fenstern entlang der Labor-Tageslichtraum mit Wässerungsanlagen, Schneideplätzen und Trocknermaschinen. Über zwei Lichtschleusen waren vom Tageslichtraum aus insgesamt acht Postivlabors erreichbar. Jedes dieser Labors war mit zwei Vergrösserungsgeräten ausgerüstet: einerseits ein Leitz-Focomat für die Vergrösserung von Kleinbild- und 120er-Filmen sowie automatischer Scharfeinstellung und andrerseits ein Durst-Gerät bis Negativgrösse 4×5 inch, welcher mit einem Farbmischkopf (für Farbvergösserungen) ausgerüstet war. Zudem waren diese Labors mit Labortrögen und Entwicklerschalen aller Grössen bestückt.

Ebenfalls über eine Lichtschleuse erreichte man das grosse Demonstrationslabor. Dieses hatte einen grossen flachen Labortrog, zentral angeordnet, sodass die Auszubildenden bei Demonstrationen rundherumstehen konnten. Das Demolabor war zudem mit drei Vergrösserunsgeräten ausgerüstet. Auf einem weiteren Labortrog stand eine Durchzugs-Entwicklungsmaschine für Farbpapiere. Später schafften wir zusätzlich einen Farbfotoprinter für die Belichtung und Verarbeitung von Amateurfilmen auf Rollenpapier an.

Bereits unmittelbar nach dem Bezug des eingerichteten Schulhauses Limmatplatz im Jahr 1978 schätzten die meisten Auszubildenden und Lehrpersonen die grosszügigen und durchdachten neuen Räumlichkeiten. Für die meisten Lehrpersonen war es eine Freude, dort viel Zeit zu verbringen und den Unterricht seriös vorbereiten zu können und so ihren vollen Einsatz der Fotografieausbildung zu widmen. Wir hatten den Eindruck, dass die neuen Lernumgebungen sowohl für die Lehrlinge, als auch für uns Lehrer ein echtes Paradies waren und zumindest bis zu meinem Austritt aus der Schule 2009/10 ein solches blieb. Diese Tatsache hätte es mir leicht gemacht, einige Jahre weiterzuunterrichten.

Paradiesische Voraussetzungen für Lehrpersonen und Auszubildende bestanden nicht nur für den Praxisunterricht in den Studio- und Laborräumlichkeiten, welche auch bei den Praxisfächern Farbfotografie und Fachfotografie nie an ihre Grenzen stiessen. Auch die Vorbereitung und Durchführung von praktischem Unterricht galt als besonders aufwändig. So waren die Theorieunterrichtszimmer, insbesondere diejenigen im 6. Stock hervorragend für den naturwissenschaftlichen Unterricht geeignet, zu welchem viele Fächer aus dem Fotografieunterricht zählten.

Schulhaus Limmatplatz. Radierung von Hans Jenny.


Im 6. Stock gab es vier Schulzimmer, wovon deren drei für den naturwissenschaftlichen Unterricht eingerichtet waren, zwei davon mit ansteigender Bestuhlung, jedes mit entsprechendem Vorbereitungsraum.

Das erste dieser Zimmer war für die Fotografen vorgesehen. Für die Schülerinnen und Schüler standen darin einzelne, verschiebbare Tische zur Verfügung. An der Front war eine Wandtafel angebracht und es gab natürlich einen Arbeitsprojektor. Zudem war ein Demonstrationskorpus fast über die gesamte Schulzimmerbreite vorhanden, auf welchem dauernd eine optische Bank für Demonstrationen im Fach Optik stand. Angeschlossen an den rückwärtigen Teil des Schulzimmers fand sich ein abgetrennter, grosser Vorbereitungsraum mit einem gleichen Demonstrationskorpus wie im Schulzimmer. So konnten Vorbereitungen für folgende Unterrichtsdemonstrationen aufgebaut werden, während gleichzeitig im Schulzimmer nebenan Unterricht stattfand. Mindestens ein Element des Korpus war nur angefügt und fahrbar. So konnte dieses mitsamt der vorbereiteten Demonstration ins Schulzimmer gefahren und dort mit einem gleichen fahrbaren Element einer Vorlektion ausgetauscht werden. Rationell und praktisch. Das Unterrichten war dadurch die reinste Freude!

Vom Vorbereitungszimmer ins Schulzimmer gab es ein Projektionsfenster, das es ermöglichte, Filme, Diaprojektionen und Multivisionsschauen usw. ohne Lärmbelästigung ins Schulzimmer zu projizieren. Als Projektionswand diente die weisse Wand hinter der Wandtafel, welche dazu in ihre unterste Stellung gefahren wurde.

Unterricht im neuen Schulhaus Limmatplatz; hier im Berufskundeunterricht zum Thema Elektrik/Elektronik.
Auf dem Demokorpus ist auch die optische Bank mit einigen Reitern (Linsen und Projektionstäfelchen) zu erkennen.

Irrsinnigerweise wurde die Lehrlingsabteilung der ursprünglichen Kunstgewerbeschule im Altbau als neue Abteilung DGM (Druck-, Gestalter- und Malerberufe) der Allgemeinen Berufsschule Zürich zugeschachert; kein Mensch wusste warum. Erst sehr viel später wandelte sich die Berufsschule für Gestaltung schliesslich zur heutigen Schule für Gestaltung Zürich. So wurde die ehemalige Lehrlingsabteilung der ursprünglichen Kunstgewerbeschule zur selbstständigen Berufsschule und war nicht mehr nur als profane Abteilung einem kuriosen Monster untergeordnet.

Die Allgemeine Berufsschule Zürich hatte anfänglich, als ihr die Lehrlingsabteilung der Kunstgewerbeschule untergejubelt wurde, einen Rektor, dessen Existenz und Name ich nicht kannte. Das war gut so. Kennt eine Lehrperson nämlich den Rektor der Schule nicht und hat sie es daher nur mit einem Abteilungsleiter zu tun, ist in der Regel alles in bester Ordnung. Zu jener Zeit war noch Max Caflisch, der mich seinerzeit eingestellt hatte, Abteilungsleiter. Sein Nachfolger wurde dann René Gauch, ein  begnadeter Grafiker und Gestalter. Von René Gauch stammte auch die Namenserweiterung der Abteilung DGM, nämlich «Medien Form Farbe».
Doch plötzlich, wegen Pensionierung oder Amtszeitbeschränkung, erhielt die Allgemeine Berufsschule Zürich einen neuen Rektor, Arthur Schaerli. Dieser hat der damaligen Abteilung DGM Medien Form Farbe leider sehr viel Stress, Unordnung und extreme Streitereien eingebracht. Erst später nach ihrer Abtrennung von der Allgemeinen Berufsschule und durch die Wahl von Fritz Maurer als Rektor der nun selbstständigen Berufsschule für Gestaltung nahm das Schiff wieder Kurs in ruhigere Gewässer auf.

 

Hauptlehrer

Kurz nach der Kantonalisierung der Berufsschule erhielt ich ein Angebot der Gutenberg-Universität in Mainz, welche mir eine Professur für Fotografie anbot. Ich nahm dies als Herausforderung und liess gegenüber der Schulleitung verlauten, ich möchte von nun an gerne zum Hauptlehrer mit einer jeweiligen Wahlperiode von sechs Jahren gewählt werden. Die Schulleitung befürchtete richtigerweise, mich verlieren zu können und schrieb die Stelle öffentlich aus. Freundlicherweise mit dem Hinweis: «Der bisheriger Amtsinhaber gilt als angemeldet.» Dadurch musste ich selber keine Bewerbung einreichen. Alle in Frage kommenden Anwärter wussten, wer als angemeldet galt und verzichteten auf eine Bewerbung. So wurde ich dann vom Regierungsrat des Kantons Zürich als Hauptlehrer für Fotografie gewählt.


Mitteilung des Regierungsrats: Wahl zum Hauptlehrer (bei meinem Geburtsdatum hat er sich allerdings um einen Monat geirrt).

 

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Korrektorat: Ilka Marchesi


 

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